Patricia Highsmith – "Elsies Lebenslust"

Elsie Tyler –  20 Jahre alt, schön, lebendig – berührt alle, die ihr begegnen. Der Maler und Illustrator Jack Sutherland ist ebenso von ihr fasziniert wie seine Frau Natalia, die in der Galerie einer Freundin arbeitet, oder Natalias schwule Freunde Louis und Bob. Besonderen Eindruck macht Elsie auf Ralph Linderman, einen geschiedenen älteren Mann, der die Welt im Allgemeinen für verdorben hält und sich in den Kopf gesetzt hat, Elsie vor den schädlichen Einflüssen und den überall lauernden Gefahren der Großstadt New York zu bewahren: vor Männern, Drogen und Prostitution.
Was er nicht weiß: Elsie ist lesbisch, zurzeit jedenfalls. Sie hat wechselnde Freundinnen und ist fest entschlossen, ihr Leben zu genießen. Zugleich aber ist sie ehrgeizig und möchte Schauspielerin werden. Sie fühlt sich von Linderman verfolgt und vertraut sich Jack an, den sie in einem Coffeeshop kennenlernt, in dem sie eine Zeitlang arbeitet. Auch Linderman kennt Jack, er hat ihm einmal dessen verlorene Brieftasche zurückgebracht, und spricht diesen wiederholt wegen Elsie an. Schließlich beginnt er, auch Jack zu beobachten, da er glaubt, dass dieser ein Verhältnis mit Elsie hat und damit nicht nur Elsie, sondern auch seiner Frau schadet.
Elsie wird unterdessen zu einem erfolgreichen Fotomodell und studiert zudem englische Literatur. Außerdem fängt sie ein Verhältnis mit Natalia Sutherland an.
Mit ihrer „Lebenslust“ macht sie sich nicht nur Freunde, weckt nicht nur Faszination, sondern offenbar auch Hass und Eifersucht, wie schließlich auf dramatische Weise deutlich wird.

„Elsies Lebenslust“ dreht sich um verschiedene Personen der New Yorker Künstlerszene und um einen Mann, der diese Welt aus der Distanz mit Misstrauen und Unverständnis betrachtet. Zentrale Themen sind Liebe und Beziehungen sowie sexuelle Anziehung und Orientierung.

Elsie steht im Zentrum des Romans, bestimmt Aktivitäten und Gedanken der anderen, auch wenn sie selbst meist gar nicht anwesend ist. Die eigentlichen Hauptfiguren sind andere: Jack und Natalia Sutherland sowie Ralph Linderman. (K.S.)

Monique Truong – "Das Buch vom Salz"

„KOCH GESUCHT. Zwei amerikanische Damen wünschen einen Koch einzustellen. Rue de Fleurus – melden Sie sich beim Concierge.“
Diese Stellenanzeige liest der junge Vietnamese Binh im Jahr 1929 in einem Park auf einer Bank. Bei den amerikanischen Damen handelt es sich um die Schriftstellerin Gertrude Stein und ihre Geliebte Alice B. Toklas.
Binh bekommt die Stelle und lebt fortan im Haushalt der beiden Frauen, seinen „Mesdames“, wird Zeuge ihrer innigen Beziehung und ihrer Eigenheiten, kocht für sie, ihre exzentrischen Hunde und ihre Gäste. Er berichtet davon mit Zuneigung, denn die Tätigkeit bei „den Steins“ hebt sich wohltuend von seinen vorigen Anstellungen ab, die relativ schnell aufeinander gefolgt sind. 
Die Schilderung seiner Erlebnisse in Frankreich wechselt ab mit Rückblicken auf seine Kindheit und Jugend in Vietnam, wo Binh zuletzt in der Küche des Generalgouverneurs arbeitete. Als seine Liebe zu dem Küchenchef bekannt wurde, verlor er nicht nur seinen Job, sondern wurde auch von seinem Vater aus dem Haus geworfen. Er verließ Vietnam und damit auch seine geliebte Mutter, arbeitete längere Zeit als Küchenjunge auf verschiedenen Schiffen und landete schließlich in Frankreich.
In Frankreich ist er nur allzu sichtbar ein Fremder. Er ist auf der Suche nach Arbeit und nach Liebe, beides erweist sich jedoch immer wieder als flüchtig. Als seine „Mesdames“ nach Amerika zurückkehren, steht er nach einigen Jahren der Sicherheit wieder am Anfang.

„Das Buch vom Salz“ ist ein schöner, poetischer Roman voll intensiver Schilderungen und eindrucksvoller Bilder.
Eine besondere Rolle spielt das Salz. Es gibt verschiedene Arten von „Salz“, wie Binh am Ende feststellt: „Kochsalz, das Salz von Schweiß, in den Tränen oder im Meer“. „Salz“ ist somit Zutat des Lebens, und Binh hat Erfahrungen mit den verschiedenen Formen gemacht: „Wie es brennt, wie es sticht, wie stark es ist, bei all dem gibt es feine Unterschiede.“ (K.S.)

Reneé Schwarzenbach-Wille - "Bilder mit Legenden"

Renée Schwazenbach-Wille (1883-1959) fing als 14-jährige an zu fotografieren und machte ihre letzte Aufnahme ein halbes Jahr vor ihrem Tod. In über 100 Fotoalben haben sich rund 10 000 Aufnahmen erhalten, die das außergewöhnliche Leben der willensstarken Generalstochter aufs Eindrücklichste dokumentieren.

Ihre Fotografien erzählen eine Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt Renées Freundin, ihr Gatte und ihre Kinder stehen, allen voran ihre Tochter Annemarie. Individuelle Lebenswege weden nachgezeichnet, von der Geburt über Krankheit und körperlichen Zerfall bis zum Tod, vom ersten Besuch bis zum Verschwinden aus dem Leben der fotografierenden Beobachterin. Die Aufnahmen zeugen von den vielfältigen musikalischen und sportlichen Interessen Renées, aber auch von ihrer fragwürdigen politischen Weltanschauung. Sie zeigen die radikal persönlichen Ansichten einer Frau, deren rastloses fotografisches Auge stets auf der suche nach neuen Bildern war.

Corinna Waffender - "Flüchtig bleiben"

Die 28-jährige Toni stellt sich bei der 40-jährigen Katharina wegen eines Jobs als Putzhilfe vor. Dies ist die erste Begegnung zweier ungleicher Frauen, die sich sofort  stark voneinander angezogen fühlen, ohne dass die jeweils andere etwas davon ahnt.
Toni nimmt den Job an und erhält von Katharina den Wohnungsschlüssel. Katharina richtet es aber so ein, dass sie sich häufig begegnen, sie bemüht sich um Toni, lädt sie wiederholt zum Kaffee ein, doch Toni bleibt reserviert, ist nicht bereit, sich auf Nähe einzulassen und sich zu öffnen. Sie nennt Katharina weder ihren Familiennamen, noch erzählt sie, aus welchem Land sie stammt – „aus Lateinamerika“ muss als Information reichen.
Die Leserin erfährt im Gegensatz zu Katharina den Grund für Tonis Distanziertheit: Toni stammt aus einem reichen Elternhaus und hat einen einflussreichen Vater. Eines Tages ist sie aus dieser Welt ausgebrochen und hat sich der Guerilla angeschlossen, um für die Armen in ihrem Land zu kämpfen. Sie musste schließlich ihr Land verlassen und ist in Deutschland, zuletzt in Berlin, untergetaucht.
Nach einiger Zeit entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine Liebesbeziehung, doch Toni bleibt auf Distanz. Katharina fühlt sich immer wieder zurückgestoßen und glaubt, dass Toni nichts für sie empfindet. So steuert die Geschichte auf ihren dramatischen Höhepunkt zu, der eine völlig neue Situation schafft.

"Flüchtig bleiben" ist ein literarischer Roman, der seinen Reiz aus seiner poetischen Sprache und einer besonderen Erzählstruktur zieht. Die Geschichte wird in zwei Handlungssträngen erzählt, die abwechselnd in kurzen Sequenzen von wenigen Seiten die Perspektive der beiden Frauen darstellen, Katharinas in der Ich-Form, Tonis in der 3. Person Singular. Katharinas Teil beginnt mit der ersten Begegnung der beiden, Tonis hingegen in der Vergangenheit, mit der Zeit in der Guerilla. Zuletzt treffen sich beide Erzählstränge. (K.S.)