„Umweht von den Schatten der teuren Toten“ - Stolpersteine für Alice Carlé und ihre Angehörigen

Am 22. März 2017 hat die Berliner Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum* und dem Lesbenarchiv Spinnboden vier Stolpersteine verlegt. Erinnert werden soll auf diese Weise an Alice Carlé (1902–1943), ihre Schwester Charlotte und ihre Eltern Margarete und Nathan Moritz. Alle vier wurden von den Nationalsozialisten ermordet – Alice und Charlotte Carlé im Konzentrationslager Auschwitz und Margarete und Nathan Moritz Carlé im Ghetto Theresienstadt. Erste Hinweise auf das Schicksal der Familie hatten um 2015 frühere Veröffentlichungen der Berliner Journalisten Eva Siewert (1907–1994) geliefert. Eva Siewert war um 1940 die Lebensgefährtin Alice Carlés gewesen, und sie hat ihrer Freundin in der unmittelbaren Nachkriegszeit in mindestens zwei Erzählungen ein berührendes Denkmal gesetzt.

„Er musste sich mal wieder um dieses Boot kümmern“, sinniert der Erzähler in Siewerts virtuoser Kurzgeschichte "Das Boot Pan" aus dem Jahr 1948 und begibt sich auf eine kurze Fahrt zu einem alten Bootsschuppen vor den Toren der Stadt. Im Rückblick kommt ihm diese Fahrt wie eine weite Reise vor. Zurück in seiner Wohnung ist ihm, „als wäre er jahrelang in seiner Heimat gewesen und jetzt käme er in die Fremde wieder.“ Siewert setzte in ihrer Erzählung gekonnt Orientierungszeichen, die in ihrer Vieldeutigkeit doch eindeutig waren. Sie nannte keine Namen, identifizierte keinen Ort und umriss nicht einmal den Zeitpunkt, an dem ihre Erzählung spielte. Nur so viel: Es war ein Apriltag, der „Heimweh nach den Booten“ machte, und da war die Erinnerung an die Mädchen, die kein Grab hatten. Besonders schmerzhaft für den Ich-Erzähler war der Blick zurück an einen Ausflug, den er einst mit einer der beiden, seiner Geliebten, in dem nunmehr lecken Boot unternommen hatte. Das Boot Pan, so sagt er, ist ihr Friedhof.

Eva Siewert hat ihre Erinnerung an Alice Carlé in "Das Boot Pan" einem männlichen Erzähler in den Mund gelegt, wohl auch, weil sich so kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine lesbische Liebesgeschichte nicht so leicht erzählen ließ. Weniger verhüllt hat sie das Schicksal ihrer Freundin in der Kurzgeschichte "Das Orakel" (1946) wiedergegeben.

Als einziger naher Familienangehöriger Alice Carlés hat ihr Bruder Hans die Shoah überlebt. Der Schauspieler hatte Deutschland im Herbst 1933 verlassen, 17 Jahre später starb er verarmt in Israel. Auf Hans Carlés Grabstein in Tel Aviv steht „Möge seine Seele eingebunden sein in das Bündel des Lebens.“ Dieser Wunsch war auch Ansporn und Motiv für die Verlegung der vier Stolpersteine in Berlin. Mögen die Steine dazu beitragen, dass das Gedenken an Alice, Charlotte, Margarete und Nathan Moritz nicht so schnell verblasst!

Eva Siewert hat in der unmittelbaren Nachkriegszeit mehrfach versucht, Näheres über das Schicksal Alice Carlés in Erfahrungen zu bringen. Für sie war es eine Last, Deutsche zu sein und in einem „quälenden Land“ zu leben. 1947 schrieb sie resigniert an den befreundeten Kurt Hiller (1886–1972): „Es hat keinen Sinn mehr, dieses irre Schiff mit feindseliger Mannschaft als Einsichtiger zu steuern oder das zu versuchen, umweht von den Schatten der teuren Toten.“ Noch zehn Jahre später stellte sie einen Antrag an den Haupttreuhänder für Rückerstattungsvermögen, doch brachte er ihr in der Antwort nur die Auskunft, Alice Carlé sei 1943 nach „Ziel unbekannt“ deportiert worden. Lapidar hießt es in dem Behördenschreiben: „Der weitere Verbleib der Genannten ist leider nicht festzustellen.“

 

(c) Raimund Wolfert