Gedenktafelenthüllung für Charlotte Wolff

am Montag, den 12. September fand in der Laubenheimer Straße 10 in Berlin, in Anwesenheit von Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten Tim Renner die feierliche Enthüllung einer "Berliner Gedenktafel" zu Ehren von Charlotte Wolff statt.  Tim Renner eröffnete mit einem Grußwort die vielbesuchte Veranstaltung.

Die gelungene Laudatio dazu hielt Frau Prof. Dr. Sabine Kröner (emeritierte Professorin der Universität Münster, Sozialwissenschaftlerin).

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, Freundinnen und Freunde,

Ich habe mich gefreut, als ich die Anfrage bekam, anlässlich der Gedenktafel-Enthüllung, Facetten des Lebens und Wirkens von Charlotte Wolff (CH.W.) hier würdigen zu können. Es waren Berliner Feministinnen, die CH.W. entdeckt hatten und sie in/für Deutschland bekannt machten. So hatte ich das Glück CH.W. während der reform- und besonders frauenbewegten Zeiten der 70ger Jahre selbst kennengelernt zu haben und zwar 1979 während des 4. Feministischen Kongresses in Berlin. Damals erahnte ich nur, welcher bedeutsamen Persönlichkeit, welcher Pionierin ich begegnet war.

Wer war diese Frau vor deren letzter Wohnstätte in Berlin wir heute stehen?

Geboren 1897 in Riesenburg, dem damaligen Westpreußen, Nähe Danzig, verbringt sie eine unbeschwerte Kindheit, in einem, in vielerlei Hinsicht, toleranten jüdischen Elternhaus. Die außerordentliche Begabung seiner Tochter veranlasst den Vater sie bei Freunden als Wunderkind „vorzuführen“, eine Hypothek, die sie zeitlebens zwar anspornte aber auch belastete. Bemerkenswert und gleichzeitig auch lebensbestimmend war die akzeptierende Haltung der Eltern gegenüber ihrer gleichgeschlechtlichen erotischen Gefühle.

1920 beginnt sie ihr Medizinstudium in Freiburg/Breisgau aus Vernunftgründen. Ihre Leidenschaft aber gilt der Philosophie. Ein philosophischer Kernsatz von HUSSERL begleitet sie fortan: „Verlassen Sie sich nicht auf Autoritäten, betrachten Sie alles auf neue Art und Weise mit den eigenen Augen, mit Ihrem Verstand und Ihrer eigenen Intuition“. Nachdem sie nacheinander ihr Studium in Königsberg und Tübingen fortsetzt, wählt sie als Examensstadt Berlin und zwar wegen der liberalen und progressiven Atmosphäre. Ihr praktisches Jahr absolviert sie im Virchow-Krankenhaus. Als Ausgleich all dieser Herausforderungen schreibt sie eine Vielzahl an Gedichten; Liebesgedichte.

Herausragend für ihre Tätigkeit als beratende Ärztin bei der Allgemeinen Krankenkasse in Berlin ist 1929 die Einrichtung einer Klinik für Schwangerschaftsverhütung. Es ist die erste dieser Art in Deutschland. Diese Arbeit versteht sie rückblickend als „eine Art erster Unterricht in Sexualwissenschaft und Psychotherapie“. Fortan beschreitet sie den Weg in die soziale und psychologische Medizin. 1931 muss sie die Arbeit an dieser Klinik aus politischen Gründen aufgeben, als Direktorin des Elektro-physikalischen Instituts kann sie 1932 wieder arbeiten und beginnt nebenher mit dem Studium der Chirologie (Wissenschaft vom Handlesen). Die politische Situation für Juden spitzt sich zu. Zum 1.April 1933 wird ihr mit sofortiger Wirkung gekündigt, am Tag darauf wird sie kurzzeitig als Spionin verhaftet, drei Tage später findet eine Hausdurchsuchung bei ihr statt, weil sie angeblich eine gefährliche Kommunistin sei. Nach diesen Erlebnissen erwirbt sie schnell einen gültigen Pass. Am 23. Mai 1933 gelingt ihr die Flucht über Aachen nach Paris.

Verzweifelt und dennoch befreit, kommt sie in Paris an. Sie ist 36 Jahre alt. Nun heißt es für sie eine neue Existenz aufzubauen. Dabei behilflich sind ihr zunächst zwei Frauen. Durch Freundin Helen Hessel kommt sie in Kontakt zu einflussreichen Menschen. Unter ihnen befinden sich Aldous und Marie Huxley. Beide sind an dem Handdiagnose-Verfahren interessiert. Marie Huxley vermittelt CH.W. an Kliniken und Ärzte, wodurch sie Zugang zu unterschiedlichen PatientInnen-Gruppen erhält. Sie entwickelt die holistische Hand-Diagnose weiter und kann sich damit selbständig machen. Marie Huxley war jene, die sie dazu ermutigte und gleichzeitig mit dem entsprechenden Klientel aus Künstlern, Schriftstellern und AristrokatInnen bekannt machte. Die Situation in Frankreich, die Begegnungen mit Menschen, die ihr halfen, sie unterstützten und schätzten, auch ihre erfolgreiche berufliche Entwicklung lässt sie bis dato resümieren:“ Ich habe das große Los gezogen“. Dennoch - Eine unbedachte antisemitische Äußerung ihrer Gönnerin Helen Hessel ist Anstoß für eine grundlegende Reflexion zum Verhältnis von Juden und Deutschen und führt schließlich bei ihr zur Ablehnung alles Deutschen, und ebenso zu Fragen nach dem Jüdisch-Sein in der Welt. Wieder ist es Marie Huxley, die eine Wende im Leben von CH.W. bewirkt. Sie lädt sie nach London ein, wo sie sie mit Berühmtheiten aller Art in Kontakt bringt, darunter auch Virginia Wolff, deren anfängliche Skepsis gegenüber der Handlesemethode in fragende Neugier mündet. Der Besuch in London und die guten Kontakte beruflicher und freundschaftlicher Art gibt ihr den Anstoß, um nach England zu emigrieren. Als krönender Abschluss ihrer bisherigen Forschung erscheint 1936 ihre „Studies in Hand Reading“ sowohl in England als auch in den USA.

Als Emigrantin lebt CH.W. in England ab 1936 zunächst auf unsicherem Boden. Dann erhält sie aber im Jahr 1937 ihre unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung und ihre Zulassung als Psychotherapeutin. Im Blick auf ihre Forschungs- und Publikationstätigkeit resümiert sie: „Es gab in England entschieden mehr Gelegenheit, den Horizont meiner Forschungsarbeit zu erweitern als in Frankreich“. 1942 erscheint „The Human Hand“, 1945 „Psychology of Gesture“.

Nachdem sie 1947 eine Nostalgie-Reise nach Paris unternommen hatte resümiert sie anschließend ernüchternd: „Franzosen haben das Talent, Fremde zu integrieren, in England bleibt ein Fremder immer ein Fremder“. Das Bedürfnis nach einem friedlichen Zuhause hatte sich in England nicht erfüllt und das sollte bis an ihr Lebensende so bleiben. andererseits ist sie wissenschaftlich besonders kreativ. In den 60ger Jahren verschiebt sich ihr wissenschaftliches Interesse auf die systematische Erforschung weiblicher Homosexualität. Weder die eigene emotionale Geschichte noch die von Freundinnen und Patientinnen waren die treibende Kraft, auch interessierten sie überhaupt keine lesbischen Kollektive, weder politischer noch wissenschaftlicher Art. Ghettobildung widerstrebten ihr. „ In meinen Augen war es unsensibel und unzivilisiert - aus einer ganz und gar natürlichen Art zu leben und zu lieben - einen Brennpunkt öffentlicher Diskussionen zu machen“. Mit dem aufkommenden Feminismus änderte sich ihre Einschätzung. Ihre wissenschaftliche Studie „Love between Women“, erscheint 1971 in englisch und 1973 in Deutschland, eine wahre Pionierarbeit. CH.W. hatte durch ihre Forschung einen klareren Blick für die politische Brisanz homosexueller Lebensweisen bekommen. Für die internationale Frauenbewegung erreichte die Veröffentlichung Kultstatus. Einige Befunde aus dieser Studie haben sie auf eine ebenfalls bis dato kaum erforschte sexualwissenschaftliche Thematik gelenkt: die Bisexualität. In der 1977, bzw. 1979 in Deutsch erschienenen Arbeit entwirft CH.W. eine bisexuelle Gesellschaft, von der sie annimmt, „dass uns nur diese von Sexismus und der ganzen Scala psychosexueller und sozialer Unterdrückung befreien kann“. Im Fazit ihrer sexualwissenschaftlichen Forschung kommt CH.W. zu dem Ergebnis, dass die bi- und homosexuellen Menschen als die jetzigen Außenseiter der Gesellschaft ein primäres Interesse an einer von ihr skizzierten toleranten Gesellschaft haben. Westberliner berufstätige Frauen, bekannt als Gruppe L74, entwickelten in den 70ger Jahren ein Interesse an der Erforschung lesbischer Frauen in den 20ger Jahren und deren Situation. Dabei entdeckten sie CH.W. die sich nach anfänglichem Zögern bereit erklärt als Zeitzeugin und Interviewpartnerin zur Verfügung zu stehen. 1978 ist es dann so weit. CH.W. reist also 81-jährig erstmals nach Berlin. Es wird ein grandioser Erfolg für sie. Zu den Lesungen in die Amerikanische Gedenk-Bibliothek, sie liest aus ihrem Roman „Flickwerk“ und ersten autobiographischen Aufzeichnungen „Innenwelt und Außenwelt“, waren 400 Menschen gekommen, meist Frauen. Glücklich resümiert sie: “Die Aufmerksamkeit und Begeisterung der Zuhörer gaben mir ein Gefühl ein anderer Mensch zu sein. Ich war nach Berlin zurückgekehrt“. Und nach dem Restaurant-Besuch: „An diesem Abend erlebte ich eine Art emotionaler Wiedergeburt“. Mit der Rückkehr nach London wächst der Wunsch ein zweites Mal nach Berlin zu fahren. Das gelingt am 1. Oktober 1979. Dieses Mal interessieren sie besonders die Ideen und Vorstellungen der deutschen Feministinnen. Dazu hat sie ausreichend Gelegenheit während der 4. Sommeruniversität für Frauen in der Rostlaube der FU in Berlin-Dahlem mit 7000 Frauen. CH.W. erinnert sich an viele, oftmals hitzige Diskussionen, bei denen es insbesondere um kontroverse Unabhängigkeitsdebatten zwischen hetero- und homosexuellen Frauen, gegenseitige Vorurteile oder Identitätsthematik ging. Sie schreibt: „Die Vorstellungen einer bisexuellen Gesellschaft rief Erstaunen und Diskussionen hervor. Zweifel wurden geäußert über die Möglichkeit mit patriarchalen Einflüssen innerhalb einer solchen Gesellschaft fertig zu werden. Die Atmosphäre war gespannt. Am Ende jedoch schienen die Zuhörerinnen und ich in einer fröhlichen Schwesternschaft miteinander verschmolzen zu sein“. Bilanzierend stellt CH.W. danach gegenüber der ersten Begegnung mit deutschen Feministinnen fest: “Unter meinen Füßen war kein weicher Teppich mehr, sondern harter Boden. Ich war dennoch zufrieden, wenn ich die neuen Kenntnisse, die ich in Berlin gewonnen hatte, speziell über die deutschen Feministinnen, zusammenrechnete, denn sie waren eine unschätzbare Erweiterung meines Wissens.

Die ihr noch verbliebenen Jahre widmet CH.W. – bis zur Erschöpfung – ihrem letzten großen Werk, der Biografie des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld. Sie erlebt 1986 noch die Veröffentlichung in Englisch. Eine Pionierin der sexualwissenschaftlichen Forschung stirbt – kurz vor Vollendung ihres 89sten Geburtstages - am 12. September 1986.

Voller Dankbarkeit schaut mit mir die Nachwelt auf eine Jahrhundert- Persönlichkeit.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit

© Prof. Dr. Sabine Kröner, Berlin 2016
Das Copyright für die Laudatio liegt bei Frau Prof. Dr. Sabine Kröner, Berlin 2016

Charlotte Wolff (30.09.1897-12.09.1986) war Ärztin und Sexualwissenschaftlerin. Als Jüdin und Lesbe musste sie 1933 nach Frankreich fliehen und emigrierte 1936 nach England. Sie forschte unter anderem zu weiblicher Homosexualität und Bisexualität und veröffentlichte grundlegende Werke dazu, die bis heute viel Beachtung gefunden haben. 1978 betrat sie auf Einladung von Feministinnen erstmals wieder deutschen Boden. Ihre Besuche in Deutschland waren ein großer Erfolg.

Weitere Informationen zu ihrem Leben und Wirken sind unter folgenden Links zu finden:

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/charlotte-wolff/

http://www.lesbengeschichte.de/bio_wolff_d.html

Außerdem haben wir in unserem Bestand auch zahlreiche Bücher von Charlotte Wolff, die gerne vor Ort gelesen werden können.

 http://www.meta-katalog.eu/Search/Results?lookfor=Charlotte+Wolff&filter%5B%5D=institution%3A%22Spinnboden%22&limit=20&sort=relev