Nicht zu übersehen – der Gedenkort für Hilde Radusch

Am 22. Juni 2012 um 17 Uhr war es endlich so weit. Der erste Gedenkort, der an eine lesbische Frau erinnert, wurde eingeweiht. Miss Marples Schwestern, dem Netzwerk zur Frauengeschichte vor Ort, ist es zu verdanken, dass in Schöneberg Ecke Eisenacher Straße/Winterfeldtstraße nun drei Tafeln stehen, die Hilde Radusch gewidmet sind.
Einen Tag vorher hatte es noch geregnet, doch am Freitag, pünktlich um 17 Uhr, schien die Sonne – die Einweihung konnte beginnen. Es startete mit einer Performance: Im Kreis um die drei (Ge)Denktafeln herum standen Miss Marples Schwestern und riefen sich zu. Es war eine Wort-Klang-Collage aus Hilde-Radusch-Texten, Schlagwörtern zu deren Person sowie eigenen Gedanken und ließ die vielen Facetten der Hilde Radusch erahnen.

Danach wurde es förmlicher, aber nicht weniger herzlich. Die Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler erinnerte an die Strapazen, die mit der Durchführung des Projekts verbunden waren und freute sich deshalb umso mehr, nun endlich an der Einweihung teilnehmen zu können.

Zuletzt kamen noch einmal die Frauen von Miss Marples Schwestern zu Wort. Diesmal erhielt jede Einzelne das Mikrophon und damit die Gelegenheit, von dem zu sprechen, was ihr wichtig ist, ob es die Erinnerung an Hilde Radusch war oder der Aufruf, weiter nach Frauen- und Lesbengeschichte zu forschen.

Es war ein schöner Tag und eine schöne Veranstaltung, es hatte etwas von einem „Klassentreffen“ an sich. Man sah Gesichter, denen man schon lange nicht mehr begegnet war – wie beispielsweise der eigenen Nachbarin. Auch das zeigt, was lesbische Erinnerungs- oder Gedenkorte sein können: ein Band, das uns verbindet – untereinander und mit unserer Geschichte. Einer Geschichte, die leider noch viel zu wenig bekannt ist. Das sollte sich ändern.

Miss Marples Schwestern gebührt Dank und Anerkennung, dass sie sich 5 Jahre lang für diesen Gedenkort eingesetzt haben.

(P.S.: Sogar eine Großnichte von Hilde Radusch war anwesend.)

Ilke Vehling

Hilde Radusch: Immer Kämpferin, nicht Opfer

Hilde Radusch (geboren am 6.11.1903 in Altdamm, gestorben am 2.8.1994 in Berlin) verlässt im Alter von 18 Jahren ihr konservatives Elternhaus in Weimar und zieht alleine nach Berlin, um sich dort im Kommunisitischen Jugendverband, später in der KPD, speziell im Roten Frauen- und Mädchenbund, zu engagieren. Sie beginnt in ihrer Freizeit politisch zu arbeiten, schreibt Artikel für die "Frauenwacht", die Zeitung des Roten Frauen- und Mädchenbundes, und spicht auf Veranstaltungen. Zudem wird sie als im Öffentlichen Dienst tätiges KPD-Mitglied Betriebsrätin bei der Post und vertritt in dieser Rolle ihre Kolleginnen vor dem Amtsgericht. Mit nur 26 Jahren wird sie zudem für die nächsten drei Jahre Stadtverordnete für die Berliner KPD. Nach den Wahlen 1932, die große Stimmengewinne der Nationalsozialisten mit sich bringen, beteiligt sich Hilde Radusch zunächst noch am Aufbau einer illegalen Postleitung, was jedoch durch ihre Verhaftung am 6.4.1933 unterbunden wird. Aus der "Schutzhaft" im Frauengefängnis in der Barnimstrasse wird sie entlassen, noch bevor die Überstellung politischer Gefangener in ein KZ der Regelfall wurde. Fortan hällt Hilde Radusch sich mit illegaler Arbeit bei Siemens über Wasser, die Überwachung durch

die Gestapo erfordert mehrere Wohnungswechsel; an Emigration denkt sie nie. 1939 verliebt sie sich in Eddy, eine Nachbarin in der Oranienburger Straße, die für die nächsten 21 Jahre ihre Lebensgefährtin wird. Die beiden eröffnen 1941 ein Restaurant ohne Getränkeausschank, die "Lothringer Küche". Hilde Radusch kümmert sich um die Beschaffung der stark rationierten Lebensmittel und organisiert Unterschlupf für aus dem Gefängnis entlassene Frauen. Im August 1944 entgeht sie knapp der "Gitter-Aktion", die 5000-6000 ehemalige Abgeordnete der Arbeiter- und der bürgerlichen Parteien ins KZ bringt. Fortan taucht sie mit Eddy in Prieros (Königswusterhausen) unter und verbringt dort die letzten Kriegstage in einer Holzhütte. Nach Kriegsende arbeitet Hilde Radusch für das Bezirksamt in der Abteilung "Opfer des Faschismus". Nach Eddys krebsbedingten Tod 1960 beteiligt sie sich in den 70er Jahren an der Gründung der L74 sowie des FFBIZ und anderen feministischen Aktionen, schreibt Gedichte und Prosatexte. Schließlich stirbt Hilde Radusch 1994 und wird auf dem St. Matthäus Kirchhof in Schöneberg beerdigt.

Quelle:
Schoppmann, Claudia. Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im "Dritten Reich". Berlin: Orlanda Frauenverlag 1993.