Verschwiegen und Vergessen - Das Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus

Prof. Dr. Corinna Tomberger
Dr. Günter Grau
Dr. Claudia Schoppmann und Sigrid Grajek
Ilke Vehling
Corinne
Sigrid Grajek

Prof. Dr. Corinna Tomberger

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Anwesende,

wir sind heute zusammengekommen, um dem Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus zu gedenken. Wir erinnern damit an die Schicksale von Frauen, die im öffentlichen Gedenken bislang ausgeblendet wurden.

Dem Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus zu gedenken, das bedeutet ein Gedenken mit vielen unbekannten Größen. Unbekannt ist die Zahl von Frauen, die die Polizei aufgrund lesbischer Handlungen inhaftierte, verhörte, schikanierte. Unbekannt ist auch, wie viele lesbische Frauen aufgrund homosexueller Neigungen zwangsweise in psychiatrische Anstalten oder Fürsorgeeinrichtungen eingewiesen wurden. Bislang sind lediglich Einzelfälle bekannt. Wie sie zeigen, ist die strafrechtliche Situation nur bedingt aussagekräftig. Zwar waren homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Frauen außer im annektierten Österreich nicht strafbar. Doch Gestapo und Kriminalpolizei hielten sich nicht notwendigerweise an die Gesetzeslage – wie wir heute noch genauer erfahren werden. Auch gab es Gerichtsurteile wegen anderer Delikte, die „lesbische Neigungen“ strafverschärfend bewerteten. Wir wissen nicht, wie viele Frauen aufgrund lesbischer Handlungen oder Neigungen polizeilich verfolgt oder gerichtlich belangt wurden. Womöglich handelt es sich um eine relativ kleine Anzahl. Gleichwohl lässt sich mit Bestimmtheit sagen: Es hat sie gegeben.

Wie sind diese Verfolgungshandlungen zu bewerten? Was bedeuteten sie für diejenigen lesbischen Frauen, die keine individuelle Verfolgung erlitten? „Der Begriff der Verfolgung“, so der Historiker Jens Dobler, „[darf] nicht an der Quantität oder der Qualität der Verfolgungshandlung festgemacht werden […]. Sonst müssen wir beginnen die Toten, Inhaftierten, Geschlagenen oder in den Suizid Getriebenen gegenseitig aufzurechnen.“i Verfolgung lasse sich sinnvoller und zielgerichteter am Zweck festmachen. Im Falle lesbischer Frauen habe der Verfolgungszweck in „Unterbindung, Unterdrückung und Einschüchterung“ bestanden. Das hieß, laut Dobler, „bestrafe wenige, meine alle.“ Die Androhung von Verfolgung, so lässt sich daraus schließen, zielte auf lesbische Frauen insgesamt ab, auch wenn die Verfolgungspraxis nur wenige traf.

Einen deutlich größeren Kreis lesbischer Frauen traf die nationalsozialistische Zerschlagung homosexueller Infrastruktur. Der blühenden homosexuellen Kultur in den Großstädten setzten die Nationalsozialisten gewaltsam ein Ende. Das NS-Regime zerstörte jene Freiräume, die sich frauenliebende Frauen in der Weimarer Republik erkämpft hatten. Der „Bund für Menschenrecht“, die „erste homosexuelle Massenorganisation“ii, musste die Arbeit einstellen. Die „Damengruppe“ des Vereins hatte wöchentliche Beratungssprechstunden und Kulturveranstaltungen exklusiv für Frauen angeboten. Im März 1933 plünderten die Nationalsozialisten das Potsdamer Verlagshaus des Vereins. Seine Veröffentlichungen konnten nicht mehr erscheinen, darunter die populärste Lesbenzeitschrift der Weimarer Republik, „Die Freundin“. Die „Halbmonatsschrift für Aufklärung über die ideale Frauenfreundschaft“ erschien letztmalig am 8. März 1933.iii

Zwei Monate später, am 6. Mai 1933, plünderten Anhänger der Nationalsozialisten das Institut für Sexualwissenschaft. Das Institut des jüdischen Mediziners und Sexualforschers Magnus Hirschfeld war als psychosexuelle Beratungsstelle und Treffpunkt für Lesben, Schwule und Transvestiten bekannt. Darüber hinaus beherbergte es die weltweit größte sexualwissenschaftliche Bibliothek. Wenige Tage nach der Plünderung, am 10. Mai 1933, heute vor 80 Jahren, verbrannten Studenten Schriften aus Hirschfelds Institut bei der Bücherverbrennung auf dem Opernplatz. Auch Werke lesbischer Autorinnen wurden 1933 verboten. Darunter die Schriften von Johanna Elberskirchen, einer lesbischen Ärztin, Feministin und Sexualreformerin, die in Rüdersdorf bei Berlin lebte.

Mit der Schließung so genannter „Freundschaftslokale“ richtete sich die nationalsozialistische Repression auch gegen die Treffpunkte von Lesben und Schwulen. Bereits zum Jahresende 1932 erhielten mehrere Berliner Homosexuellen-Lokale keine neuen Tanzgenehmigungen. Im Februar 1933 folgte ein Erlass für weitere Zwangsmaßnahmen. Gaststätten waren nun zu schließen, wenn sie „zur Förderung der Unzucht mißbraucht“iv würden. Anfang März 1933 ließ der Berliner Polizeipräsident auf der Grundlage dieses „Sittlichkeits-Erlasses“ 14 homosexuelle Lokale schließen. Darunter der lesbische Treffpunkt „Mali und Igel“ und die „Zauberflöte“, in der Damenklubs regelmäßig Tanzabende veranstaltet hatten.v

Um die Bedeutung dieser Angebote zu ermessen, müssen wir uns vor Augen führen, dass sie für viele lesbische Frauen neben Zeitschriftenannoncen die einzige Möglichkeit boten, Gleichgesinnte zu treffen. Anders als für schwule Männer mit ihrer Klappenkultur gab es für lesbische Frauen keine etablierten Treffpunkte im öffentlichen Raum, die eine Kontaktaufnahme mit Gleichgesinnten erlaubten. Die Möglichkeit, eine lesbische Lebensweise zu entfalten, beschränkte sich nun weitgehend auf das Privatleben.

„Das lesbische Leben spielte sich praktisch nur in der Partnerschaft ab“vi, erinnerte sich die kommunistische Aktivistin Hilde Radusch an diese Zeit. Vereinzelung war die Folge. „Eine kollektive Lebensform und Identität“, so hat es Claudia Schoppmann resümiert, „war mit der Machtübernahme zerstört worden“vii.

Zwar konnten einige Damenklubs ihre Angebote auch nach 1933 fortsetzen. Sie standen dann aber nicht selten unter polizeilicher Beobachtung. So tarnte sich der Berliner „Damenklub Violetta“ als „Sportclub Sonne“. Im Juli 1935 führte die Kriminalpolizei bei einem seiner Tanzabende eine Razzia durch. 54 Frauen wurden namentlich erfasst. Über die Folgen der polizeilichen Registrierung lässt sich nur spekulieren. Auch wenn einer Razzia keine Festnahmen oder Haftstrafen folgten, fühlten sich die Betroffenen bedroht und fürchteten weitere Repressionen. Wie wir heute wissen, konnten sich die Befürworter einer strafrechtlichen Verfolgung weiblicher Homosexualität im NS-Regime nicht durchsetzen. Damals war für lesbische Frauen jedoch keineswegs absehbar, ob Verschärfungen drohten. Manche brachen lesbische Kontakte oder Beziehungen aus Angst ab, andere gingen Tarnehen ein. „Schwule und Lesben lebten in der NS-Zeit eingeschüchtert und unter dem steten Zwang zu Tarnung“ – so ist es auf der Widmungstafel des Denkmals, an dem wir uns befinden, zu lesen.

Für unser Gedenken haben wir uns am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen versammelt. Die meisten von Ihnen wissen: Es war und ist ein durchaus umstrittener Gedenkort. Umstritten ist, wer als eigentliche Widmungsgruppe des Denkmals zu gelten hat und wer ein Anrecht darauf hat, durch das Denkmal – auch visuell – repräsentiert zu werden. Dieser Streit ist auch für unser Gedenken bedeutsam. Bedeutsam insofern, als er beispielhaft verdeutlicht, was das Gedenken an das Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus bis heute erschwert: Die Situation lesbischer Frauen wird regelhaft an der schwuler Männer gemessen und in diesem Vergleich als nachrangig bewertet. Dass von einer Verfolgung lesbischer Frauen gesprochen werden kann, darüber besteht keineswegs Einigkeit.

Inwieweit dieses Denkmal auch lesbischen Frauen im Nationalsozialismus gewidmet sein soll, haben die Denkmalsetzer nicht präzisiert. „Die verfolgten und ermordeten Opfer ehren“, „die Erinnerung an das Unrecht wach halten“viii – ob diese Passagen der Widmung sich auf Schwule und Lesben beziehen, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Es sei „nicht ein einziger Fall einer lesbischen Frau historisch zu belegen, die aufgrund ihrer homosexuellen Veranlagung in die Verfolgungsmaschinerie der Nationalsozialisten geraten wäre“ix – so argumentierte 2010 ein offener Brief mit prominenten Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern. Das Schreiben wandte sich dagegen, in diesem Denkmal künftig einen Film mit einer Kussszene lesbischer Frauen zu zeigen. Seit Januar 2013 gibt es einen solchen Film dennoch. Die Auseinandersetzung hingegen ist damit keineswegs beigelegt. Eine Neuauflage erlebte sie vor Kurzem bei dem Bemühen um eine Gedenktafel für die lesbischen Frauen aller Haftgruppen im KZ Ravensbrück. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten lehnte dieses Anliegen ab. Sie begründete diese Entscheidung mit der „Befürchtung […], aus der bloßen Existenz der Gedenktafel [könnte] auf eine polizeiliche Verfolgungsgeschichte von lesbischen Frauen im System der Konzentrationslager zurückgeschlossen werden“x.

Dass lesbische Frauen nicht dieselbe Verfolgungsgeschichte aufweisen wie schwule Männer, gilt auch bei diesem Denkmal vielen als Grund, sie als Widmungsgruppe zweiter Klasse anzusehen. Dabei handelt es sich um ein Denkmal an verfolgte Homosexuelle – die Widmungsgruppe wird nicht durch spezielle Verfolgungsgründe definiert, sondern durch sexuelle Präferenzen oder Identitäten. Das Denkmal sollte also auch einer Charlotte Wolff gewidmet sein. Die lesbische Ärztin und Sexualwissenschaftlerin wurde im Februar 1933 von der Gestapo verhaftet. Die Beschuldigung lautete: Sie sei „eine Frau in Männerkleidung und eine Spionin”xi. Wenige Monate später floh Wolff aus Deutschland. Wenn wir ihrer Autobiografie folgen, sah sie sich insbesondere als Jüdin von den Nationalsozialisten bedroht. Ihr Beispiel veranschaulicht, dass die Gruppe der verfolgten Homosexuellen vielfältiger ist, als es der bisherige Fokus auf wegen Homosexualität verfolgte, schwule Männer glauben macht.

Vor diesem Hintergrund ist unser Gedenken heute auch ein Akt der Aneignung. Der Aneignung eines Denkmals, das aus lesbischer Perspektive durchaus als ambivalenter Ort erscheint. Anfänglich, in den frühen 1990er Jahren, setzten sich die Denkmalinitiatoren für ein Schwulendenkmal ein. Es wurde schließlich, aus meiner Sicht halbherzig, ein Homosexuellen-Denkmal – nicht zuletzt aus Gründen der politischen Durchsetzbarkeit. Man könnte auch sagen: als Zugeständnis an eine heteronormative Gesellschaft. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob das lesbischen Frauen zum Vorteil gereicht hat. Indes besteht ein Denkmal nicht allein aus den Zeichen, die es setzt, und den Absichten der Denkmalsetzer. Seine Bedeutung bestimmen auch die Rituale, die Praktiken, mit denen Gedenkende es verbinden. Dass wir uns heute hier versammeln, können wir auch als eine Neuinterpretation des Denkmals verstehen. Als eine Erweiterung der bislang eher eng gefassten Widmungsgruppe. Umso mehr freue ich mich über Ihr heutiges Kommen, um gemeinsam an das Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus zu erinnern.

i Dobler, Jens: Unzucht und Kuppelei. Lesbenverfolgung im Nationalsozialismus, in: Insa Eschebach (Hg.), Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus, S. 53-62, hier wie auch für die nachfolgenden Zitate S. 61.

ii Dobler, Jens: Von anderen Ufern. Geschichte der Berliner Lesben und Schwulen in Kreuzberg und Friedrichshain. Berlin 2003, S. 73.

iii Vgl. Vogel, Katharina: Zum Selbstverständnis lesbischer Frauen in der Weimarer Republik. Eine Analyse der Zeitschrift „Die Freundin“ 1924-1933, in: Verein der Freunde eines Schwulen-Museums in Berlin e.V. (Hg.), Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850 – 1950. Geschichte, Alltag und Kultur, 2. Auflage, Berlin 1992, S. 162-168, hier S. 162.

iv Zit. nach Dobler: Von anderen Ufern, Berlin 2003, S. 179.

v Vgl. Dobler: Von anderen Ufern, Berlin 2003, S. 112 ff, 179.

vi Schoppmann, Claudia: Hilde Radusch (1903-1994) [online]. Berlin 2005. Unter: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. <http://www.lesbengeschichte.de/bio_radusch_d.html> [9.5.13]. Gedruckte Ausgabe: Schoppmann, Claudia: Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im „Dritten Reich“. Berlin 1993.

vii Schoppmann, Claudia: Zur Situation lesbischer Frauen in der NS-Zeit, in: Günter Grau (Hg.), Homosexualität in der NS-Zeit. Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung, Frankfurt am Main 2004, S. 35-42, hier S. 40.

viii Vgl. den Antrag an den Deutschen Bundestag vom 1.7.03, angenommen am 12.12.03, unter www.gedenkort.de/hin-bt03-antrag.htm [12.5.13]. Auch die Widmungstafel am Denkmal gibt diese Formulierung wieder.

ix Offener Brief des Vereins zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen e.V. vom 18.3.10 unter www.homo-denkmal.lsvd.de/files/Offener%20Brief%20-%20Staatsminister%20Neumann%20100318.pdf [12.5.13].

x E-Mail von Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, vom 27.12.12 an Vertreter_innen von LSVD, Spinnboden Lesbenarchiv und Bibliothek, UM queer, die sich für die genannte Gedenktafel eingesetzt haben.

xi Wolff, Charlotte: Augenblicke verändern und mehr als die Zeit, Pfungstadt 2003, S. 127.

Dr. Claudia Schoppmann

„Verschwiegen und vergessen - Das Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus“

Gelesen von Sigrid Grajek (SG) und Claudia Schoppmann (CS)


CS:

Wir stehen heute hier, um der lesbischen Frauen zu gedenken, die im ‚Dritten Reich’ verfolgt wurden und gelitten haben. Weil ihre Liebe oder ihr Begehren dem eigenen Geschlecht galt. Oder weil ihnen dies nachgesagt wurde.

Wir erinnern an jene Frauen, die von Nachbarinnen oder Kollegen denunziert, von der Polizei drangsaliert und von Richtern bestraft wurden. Und die in psychiatrischen Anstalten, Fürsorgeheimen, Haftanstalten oder Konzentrationslagern eingesperrt wurden.

Wir erinnern an die Fabrikarbeiterinnen Hildegard Wiederhöft und Helene Treike aus Berlin.

SG:

Hildegard Wiederhöft, geboren 1909, und ihre 3 Jahre ältere Freundin Helene Treike wurden 1940 von einer Nachbarin denunziert. Sie gab an, verdächtige Geräusche aus der Nebenwohnung gehört zu haben. Das Zusammenleben der Frauen entspreche nicht dem „gesunden Volksempfinden“. Hildegard Wiederhöft und Helene Treike wurden von der Gestapo gezwungen, auseinander zu ziehen und den Kontakt abzubrechen. Helene Treike, die sich zu ihren lesbischen Beziehungen bekannt hatte, wurde von der Gestapo unter Beobachtung gestellt.

CS:

Wir erinnern an die Krankenschwester Frieda Kähler aus Hamburg.

SG:

Frieda Kähler, geboren 1900, wurde 1936 von einem Arzt denunziert. Sie gab zu, ein Verhältnis mit zwei Patientinnen gehabt zu haben. Im Mai 1937 wurde sie vom Landgericht Hamburg nach §174 zu 9 Monaten verurteilt. „Unzucht mit Abhängigen“ nannten das die Richter. Frieda Kählers Gnadengesuch wurde abgelehnt. Sie verbüßte ihre Haftstrafe im Gefängnis Fuhlsbüttel. Danach durfte sie 5 Jahre lang ihren Beruf nicht ausüben. Ihre wirtschaftliche Existenz war ruiniert.

CS:

Wir gedenken der Arbeiterin Elly Smula aus Berlin.

SG:

Elly Smula, geboren 1914, wurde bei der Straßenbahn dienstverpflichtet. Durch ihren Arbeitgeber, die Berliner Verkehrsbetriebe, angezeigt, wurde sie am 12. September 1940 verhaftet und von der Gestapo verhört. Man warf ihr vor, mit ihren Kolleginnen auf nächtlichen Parties Sex gehabt und am nächsten Tag nicht ihren Dienst versehen zu haben. Am 30. November 1940 wurde sie ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Als Haftgrund war „politisch“ mit dem Zusatz „lesbisch“ vermerkt. Am 8. Juli 1943 starb sie in Ravensbrück. „Ganz plötzlich“, wie ihre Mutter nach dem Krieg schrieb.

CS:

Wir erinnern an Inge Scheuer, Fotolehrling aus Angermünde.

SG:

Inge Scheuer, geboren 1924, wurde 1943 zum Heeresdienst als Marinehelferin verpflichtet. Wegen eines Verhältnisses mit einer Kameradin wurde sie entlassen und vom Gesundheitsamt Angermünde im März 1944 wegen ihrer „gleichgeschlechtlichen Veranlagung“ in die psychiatrische Landesanstalt Brandenburg-Görden eingewiesen. Um zu prüfen, ob eine Unterbringung im sogenannten „Jugendschutzlager“ für Mädchen notwendig sei, das zum Lagerkomplex Ravensbrück gehörte. Nach 6 Wochen wurde sie nach Hause entlassen. Sie überlebte die Kriegszeit.

CS:

Wir erinnern an Marie Glawitsch aus Österreich.

SG:

Marie Glawitsch, geboren 1920 in Graz, wurde im September 1939 wegen Diebstahls und nach §129 zu 6 Monaten verurteilt. §129 des österreichischen Strafgesetzbuches bestrafte gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen. Oder wie es im Juristendeutsch hieß: „Unzucht mit einer Person desselben Geschlechts“. Weitere Haftstrafen wegen Diebstahls folgten. Am 31. Oktober 1942 wurde die 22-Jährige ins Frauen-KZ Ravensbrück eingewiesen und als sogenannte „Berufsverbrecherin“, d.h. als „Kriminelle“ gekennzeichnet. Marie Glawitsch starb 1966. Im Alter von 46 Jahren.

CS:

Wir erinnern an die Arbeiterin Erna Kubbe aus Berlin.

SG:

Erna Kubbe, geboren 1887, wurde am 24. Januar 1938 verhaftet, weil sie „öffentlich Männerkleidung“ trug, obwohl ihr eine hierzu erteilte Genehmigung 1933 entzogen worden war. So stand es im „Schutzhaftbefehl“ der Gestapo. Sie wurde ins Frauen-Konzentrationslager Lichtenburg in Sachsen-Anhalt verbracht. Nach 10 Monaten, im Oktober 1938, wurde sie entlassen.

CS:

Wir gedenken der jüdischen Verkäuferin Mary Pünjer aus Hamburg.

SG:

Mary Pünjer, geboren 1904 als Mary Kümmermann, arbeitete im elterlichen Geschäft für Damenkonfektion in Wandsbek. Am 24. Juli 1940 wurde sie festgenommen, vermutlich bei einer Razzia in einem einschlägigen Lokal. Fast 3 Monate verbrachte sie im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel. Am 12. Oktober 1940 wurde sie ins KZ Ravensbrück eingeliefert. Als Haftgrund war „asozial“ mit dem Zusatz „lesbisch“ vermerkt. Im Tötungstrakt der „Heil- und Pflegeanstalt“ Bernburg bei Dessau wurde sie mit Gas ermordet. Vermutlich im Frühjahr 1942.

CS:

Wir erinnern an die kaufmännische Angestellte und Lesbenaktivistin Elsa Conrad.

SG:

Elsa Conrad, geboren 1887 als Elsa Rosenberg, führte unter anderen den mondänen Damenklub „Mali und Igel“. Im März 1933 wurde auch dieses Lokal geschlossen. Im Herbst 1935 wurde Elsa Conrad, die nach den „Rassengesetzen“ als „Mischling“ galt, denunziert. Sie habe sich als „Arierin“ ausgegeben, habe „Verhältnisse zu lesbisch veranlagten Frauen" unterhalten und sich abfällig über Hitler geäußert. Wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ wurde sie vom Sondergericht Berlin zu 15 Monaten Haft verurteilt. Sie verbüßte sie in den Frauengefängnissen Kantstraße und Barnimstraße in Berlin. Am 14. Januar 1937 überstellte die Gestapo sie ins Frauen-KZ Moringen. Im Februar 1938 aus Moringen entlassen, konnte sie nach Ostafrika fliehen. Sie starb 1963 in Hanau.

CS:

Wir erinnern an die Arbeiterin Elisabeth Rinck aus Hamburg.

SG:

Elisabeth Rinck, geboren 1923 als Elisabeth Knur, war von 1940 bis 1942 in verschiedenen Erziehungsheimen untergebracht. Im Juni 1944 wurde sie vom Amtsgericht Hamburg zu 15 Monaten Haft wegen Diebstahls verurteilt, die sie in der Strafanstalt Bützow in Mecklenburg verbüßte. In einem Fürsorgebericht wurde sie als „arbeitsscheu, stark verwahrlost und lesbischen Umgang pflegend“ beschrieben. Das Amtsgericht Hamburg leitete außerdem ein Entmündigungsverfahren wegen angeblicher „Geistesschwäche“ gegen sie ein. So konnte sie nach Haftverbüßung zur „Arbeitserziehung und Disziplinierung“ in die Anstalt Farmsen eingewiesen werden. Erst 1964 wurde die Entmündigung vom Amtsgericht aufgehoben.

CS:

Unbekannt ist bis heute, wie vielen Frauen Unrecht angetan wurde, weil sie gegen die Sexualnormen des Regimes verstoßen haben. Auch wenn sie nicht im selben Ausmaß und auf ähnliche Weise verfolgt wurden wie homosexuelle Männer: 68 Jahre nach Kriegsende – und 5 Jahre nach der Einweihung dieses Denkmals – ist es höchste Zeit, an die „vergessenen“ lesbischen Opfer zu erinnern und ihrem Leid öffentlich zu gedenken.

Dr. Günter Grau

"Wider das Verschweigen"

Der Ort, an dem wir uns versammelt haben, soll „die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wach halten und ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen“. So steht es im Beschluss des Deutschen Bundestages von 2003 und so steht es auch auf der Widmungstafel wenige Meter von hier entfernt. 

Und seit der Einweihung des Denkmals im Jahr 2008 wird hier erinnert an Unrecht. Allerdings nur an all das Unrecht, das Männer erlitten haben, die unter dem Nazi-Regime wegen homosexueller Handlungen strafrechtlich verfolgt und verurteilt wurden bis hin zur Ermordung Tausender in den Konzentrationslagern. Nicht eine Veranstaltung hat es in den zurückliegenden sechs Jahren gegeben, die dem Gedenken an das Leid lesbischer Frauen gewidmet war – ihrer Ausgrenzung, ihrer Unterdrückung und ihrer Entwürdigung im so genannten Dritten Reich. Bei der Unterlassung handelt es sich nicht etwa um ein Versehen. Nein, es war Absicht. Diese ist durchaus belegbar, belegbar durch einen erbittert geführten Streit. Er dauert bis heute an und sein erklärtes Ziel ist, diesen Ort exklusiv zur Erinnerung an das Leid einschlägig verurteilter Männern zu reservieren. Die Rechtfertigung dafür wird gleich mitgeliefert. Sie lautet: Nur sie seien – im Unterschied zu lesbischen Frauen – strafrechtlich verfolgt worden, ihre Situation dadurch – und ebenfalls im Unterschied zu der der Lesben – zweifelsfrei zu dokumentieren.

Die Betonung der Unterschiede in der strafrechtlichen Situation ist richtig. Falsch jedoch ist die daraus gezogene Schlussfolgerung, lesbische Frauen hätten unter dem NS-System nicht gelitten. Oder anders ausgedrückt: Die Fixierung auf die strafrechtliche Verfolgung und auf das Dokumentierte greift zu kurz, weil sie dazu führt, andere Formen von Unrecht zu ignorieren. Corinna Tomberger hat die wichtigsten genannt, Claudia Schoppmann und Sigrid Grajek haben uns exemplarisch an Einzelschicksalen die Auswirkungen vor Augen geführt. Summarisch zusammen gefasst, lautet die Schlussfolgerung: Lesbische Frauen haben unter dem NS-Regime, unter seiner antihomosexuellen Propaganda und der Drohung mit dem KZ gelitten, nur – so hat es einmal Rüdiger Lautmann formuliert – „anders als die homosexuellen Männer und in weniger hervorstechender Weise“.

In der Erinnerungskultur sollten wir uns vor einer Hierarchisierung der Opfer, vor dem Gegeneinander-Aufrechnen von Leid hüten, um eine Instrumentalisierung von Erinnerungs- und Gedenkpolitik zu vermeiden. Mit dem Ausschluss von Opfergruppen aus der Gedenkarbeit an diesem Ort – und das betrifft nicht nur die Opfergruppe der lesbischen Frauen, sondern auch das Schicksal transsexueller und transidenter Menschen im Nationalsozialismus – würde dieses Mahnmal, das dem Gedenken an Unrecht dienen soll, zu einem Ort von Unrecht.

Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft – für die ich die Ehre habe, hier sprechen zu dürfen – sieht, ganz im Sinn ihres Namenpatrons, eine wichtige Aufgabe ihrer politischen Arbeit darin, sich für Emanzipation über alle Geschlechtergrenzen hinweg zu engagieren. Aus diesem Selbstverständnis heraus möchte ich Sie an diesem Denkmal mahnen, niemanden zu vergessen, dem unter dem Terrorregime Leid widerfahren ist, Unrechtslogiken zu entlarven und sich für ein unveräußerliches Gut unserer Gesellschaft  einzusetzen: für Gerechtigkeit.