Verschwiegen und Vergessen - Schicksale und Lebenswege lesbischer Frauen im Nationalsozialismus

Am 7. Mai 2014 veranstaltete der Spinnboden, nunmehr zum zweiten Mal, gemeinsam mit der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft am Homosexuellen-Denkmal im Tiergarten eine Gedenkfeier, die an Schicksale und Lebenswege lesbischer Frauen im Nationalsozialismus erinnerte. Bewegende Worte sprachen Günter Grau, Corinna Tomberger, Claudia Schoppmann und Sigrid Grajek sowie Sabine Hark. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von Corinne Douarre.

 

Dr. Günter Grau
Prof. Dr. Corinna Tomberger
Dr. Claudia Schoppmann und Sigrid Grajek
Prof. Dr. Sabine Hark
Corinne Douarre

Dr. Günter Grau

Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
am vergangenen  Sonntag wurde in Fürstenberg an der Havel der Befreiung des KZ Ravensbrück gedacht. Im größten Frauen-Lager der Nazis haben mehr als 130 000 Frauen gelitten. Allein den Gastod starben 6000 Frauen, die Gesamtzahl der Toten soll über 20 000  betragen haben. In den offiziellen  Reden  wurden – wie bereits in den vergangenen Jahren – lesbische Frauen nicht erwähnt. Damit hat der Veranstalter, wenn auch ungewollt, das Motto dieser Gedenkstunde bestätigt: „Verschwiegen und Vergessen“. Könnte frau die Verantwortlichen nach dem Grund befragen, würde die Antwort lauten: Strafrechtlich wurden lesbische Frauen unter dem Terrorregime nicht verfolgt. Das ist richtig, Falsch ist allerdings die daraus gezogene Schlussfolgerung, sie hätten unter dem NS-Regime nicht gelitten.

Ihr Leid fand unterschiedlichen Ausdruck. Immer jedoch war es ein ganz persönliches Leid. Es ist die Auseinandersetzung mit menschlichen Schicksalen unter der NS-Diktatur, die uns ins Bewusstsein ruft, dass Grundrechte und Menschenwürde kostbar sind. Zugleich erwächst uns aus dieser Gewissheit die Verantwortung, gegen jede Form von Ausgrenzung und Intoleranz vorzugehen, sie nicht zuzulassen.  

Wir erfahren in dieser Gedenkstunde etwas über Schicksale und Lebenswege lesbischer Frauen im Nationalsozialismus. Die Veranstalter, Spinnboden–Lesbenarchiv und die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft –  in deren Namen ich Sie begrüßen darf –  haben dafür als Rednerinnen gewinnen können: Corinna Tomberger, Claudia Schoppmann, Sigrid Grajek und Sabine Hark. Die musikalische Begleitung hat, wie bereits im vergangenen Jahr, liebenswürdiger Weise Corinne Douarre übernommen.

Am Schluss der Gedenkstunde können Blumen niedergelegt werden.

Prof. Dr. Corinna Tomberger

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Anwesende,

wir sind hier zusammengekommen, um an Schicksale und Lebenswege lesbischer Frauen im Nationalsozialismus zu erinnern. Woran und an wen wollen wir erinnern?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, da die antihomosexuelle Politik des NS-Regimes nur mittelbar auf die Folgen für lesbische Frauen schließen lässt. Denn die Repressionen gegen weibliche Homosexualität richteten sich vorrangig gegen die homosexuelle Kultur und deren Infrastruktur. Sie wurden begleitet von der Propagierung rigider Geschlechternormen. Demgegenüber waren vermutlich weitaus weniger frauenliebende Frauen individueller Verfolgungspraxis ausgesetzt. Von Frauen, die aufgrund lesbischer Handlungen von der Polizei inhaftiert, verhört und schikaniert wurden, war bei der ersten Gedenkveranstaltung für lesbische Frauen an dieser Stelle vor einem Jahr zu hören. Ebenso von Frauen, die in psychiatrische Einrichtungen oder Fürsorgeanstalten eingewiesen wurden.

Dieses Jahr widmet sich die Gedenkveranstaltung der Frage, wie frauenliebende Frauen im Nationalsozialismus sozial überleben konnten, also welche Möglichkeiten sie fanden, lesbisch zu leben in einem repressiven Staat, der Homosexualität zu unterbinden suchte. Um zu erkunden, wie sich die strukturelle Repression des NS-Regimes auf individuelle Lebenswege auswirkte, sind wir auf biografische Geschichten angewiesen. Leider sind nach wie vor nur wenige bekannt. Dennoch ermöglicht die historische Forschung einzuschätzen, welche Bedeutung die homosexuelle Kultur der 1920er Jahre für das Selbstverständnis und die Lebensgestaltung lesbischer Frauen hatte. Dadurch können wir ermessen, welche Tragweite die nationalsozialistische Zerstörung dieser Kultur hatte. Sie beendete gewaltsam eine bis dato historisch einzigartige gesellschaftliche Sichtbarkeit weiblicher Homosexualität, die erst die neugeschaffenen kollektiven Räume in der Weimarer Republik ermöglicht hatten.

Noch 1904 hatte die Frauenrechtlerin Anna Rüling auf der Jahresversammlung des Wissenschaftlich-Humanitären Komitees, der weltweit ersten Homosexuellenorganisation, folgendermaßen auf die fehlende Thematisierung weiblicher Homosexualität verwiesen:

„Ich kann und will keine Namen nennen, denn so lange in so vielen Kreisen die Homosexualität noch als etwas Verbrecherisches und Naturwidriges, im besten Falle als etwas Krankhaftes gilt, könnten sich Damen, welche ich als homosexuelle bezeichnen wollte, beleidigt fühlen.“ 1

Homosexualität war im Wilhelminischen Deutschland pathologisiert, Frauenliebe infolgedessen tabuisiert. Zwar gibt es Hinweise auf Tanzveranstaltungen für Frauen im Berlin des Kaiserreichs und ein erster Damenklub ist nachweisbar.Insgesamt sind für diese Zeit jedoch nur spärliche Anzeichen eines kollektiven lesbischen Lebens auszumachen.

Ein knappes Vierteljahrhundert später, 1928, konnte die Schriftstellerin und Publizistin Ruth Margarete Roellig in ihrem Buch „Berlins lesbische Frauen“3 hingegen 14 Bars und Klubs vorstellen. Dies war nur ein Teil des Angebots, das frauenliebende Frauen nun vorfanden. Gleichwohl hielt die gesellschaftliche Diskriminierung an, wie Magnus Hirschfeld in seinem Vorwort erläuterte: „Das Buch verfolgt in erster Linie den Zweck, der breiten Öffentlichkeit Aufklärung zu bringen über die Wesensart, den Charakter und die Gewohnheiten dieser Menschengruppe, teils um tiefeingewurzelte Vorurteile auszurotten, teils um gedankenlose Ungerechtigkeiten und Härten gegen Andersfühlende zu zerstören“4 , so führte der Sexualwissenschaftler aus. Roelligs Schrift zeugt von einem gewandelten Verständnis weiblicher Homosexualität, von einem Anspruch darauf, sie öffentlich sichtbar zu machen und gesellschaftliche Toleranz zu beanspruchen für jene, „von denen man offiziell nicht spricht“5 , so die Autorin in ihrer Einleitung.

Roelligs Buch ist zugleich ein Zeugnis der vielfältigen homosexuellen Kultur, die in Berlin seit Gründung der Weimarer Republik binnen weniger Jahre gewachsen war. 1919 gründete Magnus Hirschfeld das Institut für Sexualwissenschaft, das zugleich Forschungsinstitut, psychosexuelle Beratungsstelle und Treffpunkt für lesbische Frauen, homosexuelle Männer und Transvestiten war. Mit dem Bund für Menschenrecht (BfM) entstand eine weitere wichtige Homosexuellenorganisation.6

Zahlreiche sogenannte Freundschaftslokale boten im Berlin der der 1920er Jahre Treffpunkte für homosexuelle Frauen und Männer. Damenklubs veranstalteten Bälle und andere gesellige Veranstaltungen. Allein in Friedrichshain und Kreuzberg gab es während der Weimarer Republik etwa 100 Lokale, Ballsäle und Cafés, die als Treffpunkte Homosexueller fungierten, sowie mehr als 25 Klubs für frauenliebende Frauen.7  Selma Engler, die Betreiberin des Damenklubs Erâto, berichtete von der Kluberöffnung 1929 in der Zeitschrift „Die Freundin“: „Das große Interesse, welches dem Klub entgegengebracht wurde, zeigt, wie notwendig dieser Zusammenschluß war. Es war wirklich ein Manko, daß die Frauen der homosexuellen Bewegung kein Heim hatten.“8  Ähnlich bewertete Curt Morecks „Führer durch das ‚lasterhafte‘ Berlin“ von 1931 einen anderen zeitgenössischen Damenklub: „Violetta ist für viele lesbische Frauen das Heim, das sie andernorts entbehren müssen. (…) Sie suchen nicht nur Geselligkeit, sie nutzen ihren Zusammenschluss auch zum Kampf gegen die noch bestehende Feindlichkeit der Gesellschaft gegenüber der andersgearteten Frau.“9  Folgen wir diesen Interpretationen, so dienten die geselligen Angebote nicht allein der Zerstreuung und Partnerinnensuche, sondern einer sozialen Verortung,10  die frauenliebenden Frauen innerhalb der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft in der Regel verwehrt blieb.

In Berlin erschienen ab Mitte der 1920er Jahre auch diverse Zeitschriften für frauenliebende Frauen wie „Die Freundin“, „Die Frauenliebe“ und deren Nachfolgerin „Garçonne“. Sie informierten über Veranstaltungen und boten ein Forum für Bekanntschaftsanzeigen. Zugleich machten sie Frauenliebe sozial sichtbar und ermöglichten auch Frauen außerhalb Berlins die Teilhabe an der neuen weiblichen Subkultur.

Der skizzierten Vielfalt homosexueller wie auch lesbischer Kultur und Vergemeinschaftung setzten die Nationalsozialisten gewaltsam ein Ende. Sie verboten Organisationen und Zeitschriften, plünderten Einrichtungen, zwangen Freundschaftslokale zu schließen. Während die strafrechtliche Sanktionierung männlicher Homosexualität verschärft wurde, wurde lesbisches Leben erneut in die Unsichtbarkeit gedrängt und verschwand weitgehend aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung.

Trotzdem führten einzelne Berliner Damenklubs ihre Aktivitäten nach der nationalsozialistischen Machtübernahme fort, auch wenn sie polizeilicher Überwachung unterlagen und die polizeiliche Erfassung ihrer Teilnehmerinnen befürchten mussten. So registrierte die Kriminalpolizei 1935 bei einer Razzia des Damenklubs Violetta, der sich nun als „Sportclub Sonne“ tarnte, 54 Frauen.11  1937 war ein Ball des Damenklubs „Lustige Neun“ Ziel einer Razzia; 95 Frauen und zwei Männer kamen infolgedessen auf das Polizeipräsidium.12  „Die Überholung des Lokals und die Sistierung eines Teils der Anwesenden erfolgte, um die Teilnehmer karteimäßig erfassen zu können“,13  so der Abschlussbericht der Gestapo.

Dass in Berlin auch nach 1933 Damenbälle stattfinden konnten, ist wiederholt als Beleg dafür gewertet worden, dass die Repression des NS-Regimes nicht auf weibliche Homosexualität abzielte. Diese Bewertung unterschätzt die Wirkmächtigkeit polizeilicher Überwachung im NS-Staat. Es gab lesbische Frauen, die polizeilicher Druck zur Beendigung ihrer Liebesbeziehung zwang; Frauen, die den Wohnort wechselten, um ihre lesbische Lebensweise zu verheimlichen; Frauen, die ihr Äußeres veränderten oder Scheinehen eingingen, um unentdeckt zu bleiben.

Wenn, wie Jens Dobler es formuliert hat, die antihomosexuelle Repressionspolitik „Unterbindung, Unterdrückung und Einschüchterung“14  bezweckte, so zielte sie auch auf frauenliebende Frauen ab. Allerdings bediente das Regime sich hier anderer Mittel als gegen schwule Männer; dadurch boten sich – wie das Beispiel der Damenklubs zeigt – zugleich andere Möglichkeiten, den repressiven Maßnahmen zu trotzen. In diesem Sinne sind die fortgesetzten geselligen Aktivitäten lesbischer Frauen im Nationalsozialismus auch als Versuch zu sehen, Frauenliebe als eine kollektive Lebensweise weiterzuführen – trotz eines herrschenden repressiven Regimes, das gleichgeschlechtlichen Lebens- und Liebesformen jegliche soziale Verortung verwehrte und Frauenliebe ihrer neu gewonnenen sozialen Sichtbarkeit zu berauben suchte.

Als wir vor einem Jahr die erste Gedenkveranstaltung für lesbische Frauen an diesem Denkmal durchführten, habe ich dies als einen Akt der Aneignung bezeichnet. Denn die Initiatoren des Denkmals hatten keineswegs die Repressionen gegen frauenliebende Frauen vor Augen, als sie sich für ein Homosexuellen-Denkmal einsetzten. Und noch heute gibt es nicht wenige engagierte Streiter für ein homosexuelles Gedenken, die der Gedanke empört, Repressionen wie die geschilderten seien gemeint mit der Zweckbestimmung des Denkmals, „die Erinnerung an das Unrecht wach zu halten“.

Wir haben heute zum zweiten Mal dazu eingeladen, gemeinsam lesbischen Frauen zu gedenken, in der Überzeugung, dass eine solche Aneignung Zeit und Beharrlichkeit benötigt. Es geht uns mit diesem Gedenken nicht darum, unterschiedliche Leidensgeschichten gegeneinander aufzurechnen. In meinem Sinne – und ich hoffe auch in Ihrem – ist es, das Denkmal zu einem vielschichtigeren Ort werden zu lassen. Einem Ort, der dazu einlädt, an ganz unterschiedliche Geschichten homosexueller Frauen und Männer zu erinnern, die den Repressionen des NS-Regimes ausgesetzt waren. Ich denke, eine solche Öffnung entspricht der Vielfalt nicht-heteronormativer Lebensweisen und Lebenswege – in der Geschichte wie in der Gegenwart.

1) Rede von Anna Rüling (Pseudonym der Schriftstellerin Theo Anna Sprüngli) vom 9. Oktober 1904, zit. nach Schoppmann, Claudia: Vom Kaiserreich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, in: Dennert, Gabriele/Leidinger, Christiane/Rauchut, Franziska (Hg.), In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben, Berlin 2007, S. 12-26, hier S. 12.

2) Vgl. Dobler, Jens: Von anderen Ufern. Geschichte der Berliner Lesben und Schwulen in Kreuzberg und Friedrichshain, Berlin 2003, S. 63 f.

3) Roellig, Ruth Margarete: Berlins lesbische Frauen, Nachdruck der Ausgabe von 1928 mit frz. Übersetzung, Cahiers Gai-Kitsch-Camp Nr. 16, Lille 1992.

4) Magnus Hirschfeld in Roellig: Berlins lesbische Frauen, Lille 1992, S. 10.

5) Roellig: Berlins lesbische Frauen, Lille 1992, S. 16.

6) Der BfM wurde 1923 gegründet, seine Vorläuferorganisation, der „Deutsche Freundschaftsverband“, 1920, vgl. Baumgardt, Manfred: Das Institut für Sexualwissenschaft und die Homosexuellenbewegung in der Weimarer Republik, in: Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950. Geschichte, Alltag und Kultur, hrsg. vom Verein der Freunde eines Schwulen-Museums in Berlin e.V., Berlin 1992, S. 31-43, hier S. 38. 

7) Vgl. Dobler: Von anderen Ufern, Berlin 2003, S. 7.

8) Selma Engler in: Die Freundin, 5. Jg. 1929, Nr. 15, zit. nach Dobler: Von anderen Ufern, Berlin 2003, S. 17.

9) Moreck, Curt: Führer durch das ‚lasterhafte‘ Berlin, Leipzig o.J., zit. nach Pretzel, Andreas: Vom Dorian Gray zum Eldorado. Historische Orte und schillernde Persönlichkeiten im Schöneberger Regenbogenkiez, hrsg. von MANEO, Berlin 2012, S. 94 f.

10) Vgl. Hellmuth, Juliane: Lesbisches Leben, lesbische Orte. Homosexuelle Räume in Großstädten, Marburg 2011, S. 21.

11) Vgl. Dobler: Von anderen Ufern, Berlin 2003, S. 113.

12) Vgl. Dobler: Von anderen Ufern, Berlin 2003, S. 188.

13) Zit. nach ebd.

14) Dobler, Jens: Unzucht und Kuppelei. Lesbenverfolgung im Nationalsozialismus, in: Insa Eschebach (Hg.), Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus, Berlin 2012, S. 53-62, hier S. 61.


Dr. Claudia Schoppmann

Zum Doppelleben gezwungen. Biografische Annäherungen

Gelesen von Sigrid Grajek (SG) und Claudia Schoppmann (CS)


SG:

„Natürlich begann die Maskierung auch im privaten Leben. Ich lebte schon seit Jahren mit meiner Freundin zusammen. Manchmal munkelten die Leute: ‚Haben die was zusammen?‘ Als das Dritte Reich ‚ausbrach‘, hieß es dann bösartig: ‚Die haben doch was zusammen!‘ Da waren die Hauswarte und Blockwarte, die in unser Privatleben ‚hineinleuchteten‘ und Meldungen erstatten sollten. Unsere Zimmervermieterin wurde ausgefragt, ob sie etwas über unser ‚Intimleben‘ wüsste. Eines Tages kam unser Chefredakteur zu mir ins Atelier und sagte ungeduldig, ich müsse endlich heiraten oder er könne mich nicht weiter beschäftigen.“


CS:

So beschreibt eine Berliner Modezeichnerin, wie sich ihr Leben nach 1933 änderte – und welche Maßnahmen sie ergriff, um sich vor Ausgrenzung und Verfolgung zu schützen. Sie und ihre Freundin beschließen, mit einem befreundeten schwulen Paar – Kollegen von der Berliner Textil- und Modeschule – zusammenzuziehen.


SG:

„Aber damit hatten wir den ‚Geboten der neuen Zeit‘ noch nicht Genüge getan. Wieder war es der Hauswart mit dem Parteiabzeichen, der uns sagte: ‚Sie können doch nicht in wilder Ehe leben, das ist nicht im Sinne des Führers.‘ Dabei war der Mann nicht böswillig, sondern ein netter Berliner. Immerhin, wenn der schon so redete... Also beschlossen wir zwei Frauen, unsere zwei Freunde zu heiraten.“

Mit der – einvernehmlichen – Eheschließung reagierten die Modezeichnerin und ihre Partnerin auf den Druck seitens ihres Vorgesetzten. Und den des Hauswarts, der „Verdächtiges“ der Partei zu melden hatte. So gelang es dem Frauenpaar, nach außen den Schein zu wahren.


CS:

Vor einem Jahr, an dieser Stelle, hörten wir von Frauen, die verfolgt und in Fürsorgeheimen, Gefängnissen oder Konzentrationslagern gelitten haben, weil ihre Liebe oder ihr Begehren dem eigenen Geschlecht galt. Für eine von ihnen, Elly Smula, die 1943 im Konzentrationslager Ravensbrück ums Leben kam, soll in nächster Zeit ein Stolperstein vor ihrer letzten Wohnung in Berlin-Friedrichshain verlegt werden. Auch dies ist eine Möglichkeit des Sichtbarmachens und des Gedenkens.


Heute wollen wir an andere Schicksale und Lebenswege lesbischer Frauen erinnern.  Daran, wie sie – oft einfallsreich und mutig – handelten, um Anfeindungen und Repressionen zu entgehen. Manche zogen sich ins Privatleben zurück, brachen Kontakte und Beziehungen ab oder passten ihr Aussehen dem nationalsozialistischen Frauenbild an. Andere wechselten den Wohnort, flüchteten in die Anonymität der Großstadt oder lebten gänzlich „untergetaucht“.


Wie viele homosexuelle Frauen und Männer zur Tarnung heirateten, ist aus naheliegenden Gründen nicht feststellbar. Heinrich Himmler, Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei ab 1936, schätzte die Zahl der Scheinehen gar auf eine Million. Doch auch eine sogenannte Kameradschaftsehe bot keinen absoluten Schutz – vor allem dann nicht, wenn die Partner ihre jeweiligen Beziehungen fortsetzten.


SG:

Im Oktober 1934 lernt die Arbeiterin Irma Fischer in Hamburg, in der Gastwirtschaft ihrer Tante, Adolf Großkopf kennen. Großkopf, der beim Hamburger Arbeitsamt angestellt ist, lebt mit seinem Freund Fritz Meinke zusammen, der ihm offiziell den Haushalt führt. Beide Männer hatten sich in einem Lokal auf St. Pauli kennengelernt, das als Schwulentreffpunkt galt.


Im März 1935 heiraten Adolf Großkopf und Irma Fischer. Bei der erforderlichen ärztlichen Prüfung auf „Ehetauglichkeit“ verschweigen die Brautleute natürlich ihre Homosexualität. Beide setzen ihre gleichgeschlechtlichen Beziehungen fort. Nach einigen Monaten fliegt die Scheinehe jedoch auf. Wieso Adolf Großkopf ins Visier  der Gestapo geriet, ist nicht bekannt. Bei den polizeilichen Ermittlungen stellt sich heraus, dass das Ehepaar nach der Heirat ein staatliches Darlehen beantragt und auch erhalten hat. Möbel wurden angeschafft. Adolf und Irma Großkopf werden im September 1936 vom Landgericht Hamburg wegen Schädigung „am Wohl des Volkes“ – das heißt wegen Betrugs – verurteilt. Schließlich, so urteilt das Gericht, solle die finanzielle Unterstützung nur solchen Ehepaaren zugute kommen, „die eine normale Ehe und die Begründung einer Familie beabsichtigen“, nicht aber solchen, die durch die Heirat nur „ihre anormale Veranlagung“ verbergen wollen. Irma Großkopf erhält drei Monate Gefängnis, die nach einem Gnadengesuch zur Bewährung ausgesetzt werden. Das Gericht hält Adolf Großkopf für den Hauptschuldigen, da er seiner Ehefrau „geistig weit überlegen“ sei. Er erhält eine Gesamtstrafe von zweieinhalb Jahren, da ihm homosexuelle Handlungen mit Männern, vor allem mit Fritz Meinke, nachgewiesen wurden.


CS:

Fatale Folgen konnte es haben, wenn lesbische Frauen einen heterosexuellen Mann heirateten, der nicht eingeweiht oder nicht bereit war, auf ihre Orientierung Rücksicht zu nehmen – wie etwa bei Margot Holzmann, einer jüdischen Tänzerin.


SG:

Margot Holzmann, 1912 geboren, lebt mit ihrer nichtjüdischen Freundin Marta Halusa in Berlin zusammen. Die zwei Jahre ältere Marta wird von ihren Freundinnen nur Peter genannt. Schon seit Beginn der dreißiger Jahre sind beide Frauen ein Paar. Versuche, in die Schweiz zu emigrieren, scheitern. 1941 lernt Margot Holzmann einen chinesischen Kellner namens Chi Lan Liu kennen. Sie geht ein Verhältnis mit ihm ein und behauptet wenig später, von ihm schwanger zu sein. Margot Holzmann drängt den Chinesen, sie zu heiraten. Durch die chinesische Staatsangehörigkeit, die sie durch die Heirat erhält, ist sie vorläufig vor einer Deportation geschützt. Doch ihr Ehemann merkt bald, dass Margots Liebe nicht ihm gilt, sondern ihrer Freundin. Er zwingt sie, ihre „ehelichen Pflichten“ erfüllen. Dabei bleibt es nicht. Chi Lan Liu droht mit Scheidung. Margot verlässt ihn, aber Chi Lan Liu denunziert sie bei der Gestapo. Margot wird verhaftet, kommt aber wegen ihrer chinesischen Staatsangehörigkeit wieder frei. Und dank der Hilfe ihrer Freundin. Ständig wechselt sie nun ihre Unterkunft, taucht unter. Auch Marta Halusa wird festgenommen, weil sie zu ihrer Freundin hält und sie versteckt. „Judenbegünstigung“ nennen das die Nazis. Darauf steht KZ-Haft. Dank Bestechung eines Gestapobeamten kommt Marta Halusa wieder frei. Bei der letzten Verhaftung schwer mißhandelt und abgemagert auf 36 Kilo, erlebt Margot Holzmann am 2. Mai 1945 die Befreiung durch die Rote Armee. Beide Frauen emigrieren 1949 nach England.


CS:

Welche Vorsichtsmaßnahmen, welche Über-Lebensstrategien lesbische Frauen im ‚Dritten Reich‘ auch ergriffen –  es gab keine absolute Sicherheit, keinen garantierten Schutz. Denunziationen etwa konnten weitreichende Folgen haben, vor allem für jüdische Frauen oder solche, die den Nazis aus anderen Gründen ein Dorn im Auge waren.


Welche psychischen Belastungen, welche Beeinträchtigungen resultierten aus dem Zwang, das eigene Lieben und Begehren über Jahre zu verheimlichen? Dies ist nur schwer zu ermessen. Die Auswir¬kungen dieser „Zeit der Maskierung“, wie es die zu Beginn genannte Modezeichnerin beschrieben hat, reichten weit über das Kriegsende hinaus.


Prof. Dr. Sabine Hark

Es dauerte eine Weile, bevor uns klar wurde, dass unser Ort das Haus des Andersseins selbst war und nicht die Sicherheit eines einzelnen Unterschieds.(Audre Lorde, 1986)

Liebe Anwesende,

ich möchte mich zunächst bedanken für die Einladung, heute hier sprechen zu dürfen. Ich habe sie sehr gerne angenommen. Und das vor allem, weil wir nach Meinung vieler in einer Zeit leben, die von Oscar Wildes berühmtem Satz von „der Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt“ so weit entfernt ist.

Verschwiegen und Vergessen – was die Schicksale und Lebenswege lesbischer Frauen* im Nationalsozialismus beschreibt, auf den ersten Blick jedenfalls scheint es in diesem Teil der Welt nicht mehr Teil der Wirklichkeit des Lebens von Lesben* zu sein. Doch so sehr das in vielerlei Hinsichten wahr ist, so sehr ist auch wahr, dass wir gerade in den vergangenen zwei Jahren europaweit erleben konnten, wie leicht Homophobie als gesellschaftliche Verteidigungsstrategie aktivierbar ist. Und hier reden wir nicht nur von versprengten christlichen Ultras, die in Baden-Württemberg gegen den Bildungsplan für sexuelle Vielfalt agitieren, sondern von der berühmten Mitte der Gesellschaft. Wahlweise im Namen des Kindeswohls, der Natürlichkeit der heterosexuellen Kernfamilie, der »christlich-abendländischen Kultur« oder auch der Schöpfung streitet hier beispielsweise die Kanzlerin, die Büchner-Preisträgerin Sybille Lewitscharoff, die AfD und die baden-württembergische CDU für die weitere Begünstigung der heterosexuellen Ehe als Fundament der Gesellschaft. »Aufklärung über sexuelle Vielfalt«, beschloß demzufolge jüngst deren Landesparteitag widerspreche »dem grundgesetzlich garantierten ›Schutz von Ehe und Familie‹«. In den Bildungsplänen des Landes soll daher neben diesem Schutz von Ehe und Familie auch »Artikel 16 Abs. 1 (›Erziehung auf Grundlage der christlich-abendländischen Kultur‹) der baden-württembergischen Landesverfassung« eingehalten werden.

Dabei stimmt ja, was hier allenthalben geunkt wird: Die kulturelle, soziale und symbolische Architektur moderner Gesellschaften ist nicht zuletzt durch die feministischen, lesbischen und schwulen Emanzipationsbewegungen der vergangenen Jahrzehnte erschüttert worden. Der Widerstand der gesellschaftlichen Mitte wird so kenntlich als Antwort darauf, dass Lesben und Schwule, Transgender und Intersexuelle mehr als Toleranz einklagen und offensiv die Frage stellen, wessen Leben und welche Bindungen zählen. Genau deshalb gehören Fragen wie, wer und was eine Familie ist, wie sie gelebt wird und gelebt werden soll, nach ‚angemessenen‘ Geschlechterbildern und welche Rechte lesbischen, schwulen und transgeschlechtlichen Lebensweisen zustehen, gegenwärtig zu den umstrittensten Fragen politischer, ethisch-moralischer, juristischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzung.

Das Denkmal, an dem wir uns heute versammelt haben, ist im Lichte dieser Auseinandersetzungen betrachtet also aktueller denn je. Denn der deutsche Bundestag verband damit ja neben der Ehrung der „verfolgten und ermordeten Opfer des NS“ und der „Erinnerung an das NS-Unrecht“ auch die Hoffnung, ein „beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben“ zu setzen. Wir alle wissen, dass seit diesem Beschluss im Jahr 2003 intensiv um genau diese Frage, ob es ein gemeinsames Mahnzeichen für Schwule und Lesben geben kann, da die NS-Verfolgungsgeschichte doch so unterschiedlich gewesen ist, politisch und wissenschaftlich gestritten wird. Günter Grau hat in diesem Zusammenhang vor einem Jahr an dieser Stelle vor einer Hierarchisierung der Opfer und der Instrumentalisierung von Erinnerungs- und Gedenkpolitik gewarnt. Ich will diese Debatte hier nicht wieder aufleben lassen, aber an Günter Graus Warnung anschließen und mich noch einmal der Frage zuwenden, warum wir an die durch vielfältige, ja auch widersprüchliche und unvergleichliche Linien von Unterdrückung und Widerstand fragmentierte Geschichte von Lesben und Schwulen dennoch als gemeinsame Geschichte erinnern müssen.

Die Geschichte von Lesben und Schwulen als gemeinsame Geschichte zu begreifen, bedeutet ja nicht, über alle historischen Unterschiede hinweg zu gehen und diese zu negieren. Es bedeutet vielmehr, Geschichte als etwas zu begreifen, für das wir eine gemeinsame Verantwortung tragen: Verantwortung für die Geschichten, die zu erzählen wir uns entschieden haben, für die Weisen, wie wir lesbisches und schwules Lieben und Begehren sichtbar machen. Denn verstehen wir Geschichte als die kontinuierliche Beziehung zwischen dem, was bereits existiert und dem, was die Zukunft ausmachen wird, heißt das, dass wir auch durch unsere Erzählungen mit darüber bestimmen, welches Begehren und welches Lieben in Zukunft lebbar sein kann. Sind es doch gerade die Versionen historischer Erinnerung ebenso wie das in diese Erzählungen eingeschlossene Schweigen, die konstruieren, wer wir sind, und mit denen wir uns erzählen, wie und wo wir interessiert sind und wie wir politisch positionieren und positioniert werden.

Wenn also mit jeder Sichtachse Schneisen geschlagen werden, die andere und anderes im Ungefähren, im Dunkeln zurücklassen, muss jede Sicht auf Geschichte, jede Sicht von Geschichte auf folgende Fragen antworten: Was gibt uns diese Sicht zu sehen? Welche Grenzen hat diese Sicht?

Geschlagene Schneisen verlassen, den Dialog zwischen unterschiedlichen Erfahrungen und Geschichten versuchen und an der Entwicklung einer gemeinsamen Sprache gesellschaftlicher Teilhabe zu arbeiten, einer Sprache, die uns nicht alle auf ein Maß eichen will, könnte dagegen die Wahrnehmung des Reichtums an Phantasien und (Über-)Lebensweisen befördern, die Lesben und Schwule in ihrer Geschichte bereits erfunden haben. Statt identitätspolitisch motivierte Abschottung zu betreiben, sollten wir unsere Energie viel stärker darauf richten, wie die in unseren jeweiligen Subkulturen entstandenen sexuellen und geschlechtlichen Arrangements und Lebensführungen in eine Politik übersetzt werden können, in der Differenzen nicht als Bedrohung, sondern als Voraussetzung von Gemeinschaft begriffen wird. Denn ohne Gemeinschaft und zwar eine Gemeinschaft der Differenten, daran hat uns Audre Lorde (1981) erinnert, gibt es keine Befreiung, sondern nur den höchst prekären und vorübergehenden Waffenstillstand zwischen jede_r Einzelnen und ihrer Unterwerfung.

Daran zu erinnern, dass Unterdrückung nicht nur durch offene Verbotsakte wie z. B. Strafparagraphen funktioniert, sondern auch durch die Produktion eines Gebiets der Undenkbarkeit und Unaussprechlichkeit, weshalb lesbische Lebens- und Liebesformen zum Teil nicht einmal in das Denk- und Vorstellbare vorgestoßen sind, heißt also nicht, die Verfolgung schwuler Männer zu relativieren. Es heißt aber schon, daran zu erinnern, dass wir es auch hier mit Verhältnissen der Verhinderung, Stigmatisierung und Marginalisierung zu tun haben. „Ausdrücklich verboten zu werden“, kommentiert Judith Butler (1996), „bedeutet einen Schauplatz des Diskurses zu bewohnen, von dem aus so etwas wie ein umgekehrter Diskurs artikuliert werden kann; implizit verboten zu werden bedeutet, nicht einmal als Verbotsobjekt in Frage zu kommen“, was die Formulierung eines Gegen-Diskurses, ja überhaupt von Sichtbarkeit umso komplizierter macht. „Und obwohl“, so Butler schon Anfang der 1990er Jahre und mit Blick auf die heutige Situation weltweit damit ungeahnt hellsichtig, „im gegenwärtigen Klima alle Formen von Homosexualität ausgelöscht, reduziert und als Schauplätze radikaler homophober Phantasien rekonstituiert werden, ist es wichtig, die verschiedenen Wege nachzuzeichnen, auf denen die Undenkbarkeit der Homosexualität immer wieder konstituiert wird. Als ständige Unwahrheit vorzukommen ist eine Sache – etwas anderes ist es, im kulturellen und sozialen Imaginären ausgelöscht zu sein.

Sichtbarkeit und die Möglichkeit für sich selbst sprechen zu können, ist also abhängig von Machtkonstellationen, für die wir alle Verantwortung tragen. Das heißt aus lesbischer Sicht, Herrschaftsverhältnisse nicht zu negieren, die Schwule zum Schweigen bringen. Aber es heißt auch, woran uns der Schriftsteller Samuel Delany (1990) erinnert, dass die größte Hilfe, die Lesben und Schwule einander in der tagtäglichen Arbeit an der Freiheit gewähren können, die klare und aktive Anerkennung des Ausmaßes und der Natur der verschiedenen Kontexte, in denen wir leben, ist, sowie die reiche und engagierte Sympathie für die unterschiedlichen Prioritäten, die diese Kontexte erfordern.

Die aktive Arbeit gegen das Vergessen der Lebenswege lesbischer Frauen* im Nationalsozialismus ist deshalb nicht die Aufgabe lesbischer Frauen* allein. Es ist eine Verantwortung, derer sich auch schwule Männer nicht entledigen können, wenn wir Emanzipation nicht als eigennütziges Unternehmen missverstehen wollen. Denn, so noch einmal Delany: „Die Situation von Lesben unterscheidet sich wesentlich von der schwuler Männer. Die entschiedene Anerkennung dieser Tatsache besonders durch Schwule ist die erste Vorbedingung für jegliche anspruchsvolle Diskussion lesbisch-schwuler Politik.“

Wie also können wir „deine und meine Geschichte miteinander verhandeln“, wie Satya Mohanty (1989) fragt? Und wie ist es möglich, fragt er weiter, „unsere Gemeinsamkeit zu bergen, das heißt die Überlappungen unserer verschiedenen Vergangenheiten und Gegenwarten, die unvermeidlichen Beziehungen zwischen geteilten und umstrittenen Bedeutungen, Werten und materiellen Ressourcen? Es ist notwendig, dass wir unsere dichten Verschiedenheiten und unsere gelebten und imaginierten Differenzen geltend machen, aber können wir es uns leisten, die Frage, wie unsere Differenzen ineinander verwoben sind und hierarchisch organisiert wurden, unbeachtet zu lassen? Mit anderen Worten, können wir es uns erlauben, absolut verschiedene Geschichten zu haben und uns als in absolut heterogenen und getrennten Orten lebend sehen?“. Eine „Ontologie voneinander unabhängiger Identitäten“, so noch einmal Judith Butler (2005), leistet keinen „Beitrag zu dem analytischen Vokabular, das wir zum Begreifen der weltweiten Interdependenz und der global verflochtenen Netzwerke der Macht und der Haltungen im heutigen politischen Leben brauchen“.

Was uns mit den Schicksalen jener Frauen* verbindet, von denen Claudia Schoppmann gesprochen hat, ist der Kampf für ein lebbares Leben, der Kampf dafür, Raum zum Atmen zu haben. Frei atmen zu können, so beschreibt es die feministische Philosophin Mari Ruti, bedeutet Aspiration. Mit dem Atem kommt Imagination und Phantasie. Mit Atem kommt Möglichkeit. Wenn es in queerer Politik um Freiheit geht, so geht es um nicht mehr und nicht weniger als die Freiheit zu atmen. Die Freiheit, das eigene Lieben und Begehren leben zu können und nicht verheimlichen zu müssen.


Literatur:

Judith Butler 1996: Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität. In: Grenzen lesbischer Identitäten. (Hg.) Sabine Hark, Berlin.

Judith Butler 2005: Raster des Krieges. Frankfurt am Main/New York.

Samuel Delany 1990: Introduction. In: Uranian Worlds. A Reader’s Guide to Alternative Sexuality in Science Fiction and Fantasy. (Hg.) Eric Garber, Lyn Paleo, Boston.

Audre Lorde 1981: The Master’s Tools Will Never Dismantle the Mater’s House. In: This Bridge Called My Back. Writings by Radical Women of Color. (Hg.) Cherríe Moraga, Gloria Anzaldúa, New York.

Audre Lorde 1986: Zami. Eine Mythobiographie, Berlin.

Satya Mohanty 1989: Us and Them: On the Philosophical Bases of Political Criticism. In: Yale Journal of Criticism.

Mari Ruti 2006: Reinvention the Soul: Posthumanist Theory and Psychic Life. New York.