40 Jahre Spinnboden

Monne Kühn. Sie war Mitglied in der HAW Frauengruppe 1973.
Sabine Balke mit Stefanie Pöschl, Vorstand im Spinnboden.
Susanne Knoblich, Vorstand im Dachverband der Lesben/Frauenarchive, -bibliotheken und Dokumentationsstellen im deutschsprachigen Raum, ida.
Lela Lehnemann vom Referat für Gleichgeschlechtliche Lebensweise
Führung durch das Archiv und Vorführung der Toni Schwabe Briefe




Coco Lores und Sookee in der Begine

Verschwiegen und Vergessen - Das Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus

Prof. Dr. Corinna Tomberger
Dr. Günter Grau
Dr. Claudia Schoppmann und Sigrid Grajek
Ilke Vehling
Corinne
Sigrid Grajek

Prof. Dr. Corinna Tomberger

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Anwesende,

wir sind heute zusammengekommen, um dem Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus zu gedenken. Wir erinnern damit an die Schicksale von Frauen, die im öffentlichen Gedenken bislang ausgeblendet wurden.

Dem Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus zu gedenken, das bedeutet ein Gedenken mit vielen unbekannten Größen. Unbekannt ist die Zahl von Frauen, die die Polizei aufgrund lesbischer Handlungen inhaftierte, verhörte, schikanierte. Unbekannt ist auch, wie viele lesbische Frauen aufgrund homosexueller Neigungen zwangsweise in psychiatrische Anstalten oder Fürsorgeeinrichtungen eingewiesen wurden. Bislang sind lediglich Einzelfälle bekannt. Wie sie zeigen, ist die strafrechtliche Situation nur bedingt aussagekräftig. Zwar waren homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Frauen außer im annektierten Österreich nicht strafbar. Doch Gestapo und Kriminalpolizei hielten sich nicht notwendigerweise an die Gesetzeslage – wie wir heute noch genauer erfahren werden. Auch gab es Gerichtsurteile wegen anderer Delikte, die „lesbische Neigungen“ strafverschärfend bewerteten. Wir wissen nicht, wie viele Frauen aufgrund lesbischer Handlungen oder Neigungen polizeilich verfolgt oder gerichtlich belangt wurden. Womöglich handelt es sich um eine relativ kleine Anzahl. Gleichwohl lässt sich mit Bestimmtheit sagen: Es hat sie gegeben.

Wie sind diese Verfolgungshandlungen zu bewerten? Was bedeuteten sie für diejenigen lesbischen Frauen, die keine individuelle Verfolgung erlitten? „Der Begriff der Verfolgung“, so der Historiker Jens Dobler, „[darf] nicht an der Quantität oder der Qualität der Verfolgungshandlung festgemacht werden […]. Sonst müssen wir beginnen die Toten, Inhaftierten, Geschlagenen oder in den Suizid Getriebenen gegenseitig aufzurechnen.“i Verfolgung lasse sich sinnvoller und zielgerichteter am Zweck festmachen. Im Falle lesbischer Frauen habe der Verfolgungszweck in „Unterbindung, Unterdrückung und Einschüchterung“ bestanden. Das hieß, laut Dobler, „bestrafe wenige, meine alle.“ Die Androhung von Verfolgung, so lässt sich daraus schließen, zielte auf lesbische Frauen insgesamt ab, auch wenn die Verfolgungspraxis nur wenige traf.

Einen deutlich größeren Kreis lesbischer Frauen traf die nationalsozialistische Zerschlagung homosexueller Infrastruktur. Der blühenden homosexuellen Kultur in den Großstädten setzten die Nationalsozialisten gewaltsam ein Ende. Das NS-Regime zerstörte jene Freiräume, die sich frauenliebende Frauen in der Weimarer Republik erkämpft hatten. Der „Bund für Menschenrecht“, die „erste homosexuelle Massenorganisation“ii, musste die Arbeit einstellen. Die „Damengruppe“ des Vereins hatte wöchentliche Beratungssprechstunden und Kulturveranstaltungen exklusiv für Frauen angeboten. Im März 1933 plünderten die Nationalsozialisten das Potsdamer Verlagshaus des Vereins. Seine Veröffentlichungen konnten nicht mehr erscheinen, darunter die populärste Lesbenzeitschrift der Weimarer Republik, „Die Freundin“. Die „Halbmonatsschrift für Aufklärung über die ideale Frauenfreundschaft“ erschien letztmalig am 8. März 1933.iii

Zwei Monate später, am 6. Mai 1933, plünderten Anhänger der Nationalsozialisten das Institut für Sexualwissenschaft. Das Institut des jüdischen Mediziners und Sexualforschers Magnus Hirschfeld war als psychosexuelle Beratungsstelle und Treffpunkt für Lesben, Schwule und Transvestiten bekannt. Darüber hinaus beherbergte es die weltweit größte sexualwissenschaftliche Bibliothek. Wenige Tage nach der Plünderung, am 10. Mai 1933, heute vor 80 Jahren, verbrannten Studenten Schriften aus Hirschfelds Institut bei der Bücherverbrennung auf dem Opernplatz. Auch Werke lesbischer Autorinnen wurden 1933 verboten. Darunter die Schriften von Johanna Elberskirchen, einer lesbischen Ärztin, Feministin und Sexualreformerin, die in Rüdersdorf bei Berlin lebte.

Mit der Schließung so genannter „Freundschaftslokale“ richtete sich die nationalsozialistische Repression auch gegen die Treffpunkte von Lesben und Schwulen. Bereits zum Jahresende 1932 erhielten mehrere Berliner Homosexuellen-Lokale keine neuen Tanzgenehmigungen. Im Februar 1933 folgte ein Erlass für weitere Zwangsmaßnahmen. Gaststätten waren nun zu schließen, wenn sie „zur Förderung der Unzucht mißbraucht“iv würden. Anfang März 1933 ließ der Berliner Polizeipräsident auf der Grundlage dieses „Sittlichkeits-Erlasses“ 14 homosexuelle Lokale schließen. Darunter der lesbische Treffpunkt „Mali und Igel“ und die „Zauberflöte“, in der Damenklubs regelmäßig Tanzabende veranstaltet hatten.v

Um die Bedeutung dieser Angebote zu ermessen, müssen wir uns vor Augen führen, dass sie für viele lesbische Frauen neben Zeitschriftenannoncen die einzige Möglichkeit boten, Gleichgesinnte zu treffen. Anders als für schwule Männer mit ihrer Klappenkultur gab es für lesbische Frauen keine etablierten Treffpunkte im öffentlichen Raum, die eine Kontaktaufnahme mit Gleichgesinnten erlaubten. Die Möglichkeit, eine lesbische Lebensweise zu entfalten, beschränkte sich nun weitgehend auf das Privatleben.

„Das lesbische Leben spielte sich praktisch nur in der Partnerschaft ab“vi, erinnerte sich die kommunistische Aktivistin Hilde Radusch an diese Zeit. Vereinzelung war die Folge. „Eine kollektive Lebensform und Identität“, so hat es Claudia Schoppmann resümiert, „war mit der Machtübernahme zerstört worden“vii.

Zwar konnten einige Damenklubs ihre Angebote auch nach 1933 fortsetzen. Sie standen dann aber nicht selten unter polizeilicher Beobachtung. So tarnte sich der Berliner „Damenklub Violetta“ als „Sportclub Sonne“. Im Juli 1935 führte die Kriminalpolizei bei einem seiner Tanzabende eine Razzia durch. 54 Frauen wurden namentlich erfasst. Über die Folgen der polizeilichen Registrierung lässt sich nur spekulieren. Auch wenn einer Razzia keine Festnahmen oder Haftstrafen folgten, fühlten sich die Betroffenen bedroht und fürchteten weitere Repressionen. Wie wir heute wissen, konnten sich die Befürworter einer strafrechtlichen Verfolgung weiblicher Homosexualität im NS-Regime nicht durchsetzen. Damals war für lesbische Frauen jedoch keineswegs absehbar, ob Verschärfungen drohten. Manche brachen lesbische Kontakte oder Beziehungen aus Angst ab, andere gingen Tarnehen ein. „Schwule und Lesben lebten in der NS-Zeit eingeschüchtert und unter dem steten Zwang zu Tarnung“ – so ist es auf der Widmungstafel des Denkmals, an dem wir uns befinden, zu lesen.

Für unser Gedenken haben wir uns am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen versammelt. Die meisten von Ihnen wissen: Es war und ist ein durchaus umstrittener Gedenkort. Umstritten ist, wer als eigentliche Widmungsgruppe des Denkmals zu gelten hat und wer ein Anrecht darauf hat, durch das Denkmal – auch visuell – repräsentiert zu werden. Dieser Streit ist auch für unser Gedenken bedeutsam. Bedeutsam insofern, als er beispielhaft verdeutlicht, was das Gedenken an das Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus bis heute erschwert: Die Situation lesbischer Frauen wird regelhaft an der schwuler Männer gemessen und in diesem Vergleich als nachrangig bewertet. Dass von einer Verfolgung lesbischer Frauen gesprochen werden kann, darüber besteht keineswegs Einigkeit.

Inwieweit dieses Denkmal auch lesbischen Frauen im Nationalsozialismus gewidmet sein soll, haben die Denkmalsetzer nicht präzisiert. „Die verfolgten und ermordeten Opfer ehren“, „die Erinnerung an das Unrecht wach halten“viii – ob diese Passagen der Widmung sich auf Schwule und Lesben beziehen, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Es sei „nicht ein einziger Fall einer lesbischen Frau historisch zu belegen, die aufgrund ihrer homosexuellen Veranlagung in die Verfolgungsmaschinerie der Nationalsozialisten geraten wäre“ix – so argumentierte 2010 ein offener Brief mit prominenten Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern. Das Schreiben wandte sich dagegen, in diesem Denkmal künftig einen Film mit einer Kussszene lesbischer Frauen zu zeigen. Seit Januar 2013 gibt es einen solchen Film dennoch. Die Auseinandersetzung hingegen ist damit keineswegs beigelegt. Eine Neuauflage erlebte sie vor Kurzem bei dem Bemühen um eine Gedenktafel für die lesbischen Frauen aller Haftgruppen im KZ Ravensbrück. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten lehnte dieses Anliegen ab. Sie begründete diese Entscheidung mit der „Befürchtung […], aus der bloßen Existenz der Gedenktafel [könnte] auf eine polizeiliche Verfolgungsgeschichte von lesbischen Frauen im System der Konzentrationslager zurückgeschlossen werden“x.

Dass lesbische Frauen nicht dieselbe Verfolgungsgeschichte aufweisen wie schwule Männer, gilt auch bei diesem Denkmal vielen als Grund, sie als Widmungsgruppe zweiter Klasse anzusehen. Dabei handelt es sich um ein Denkmal an verfolgte Homosexuelle – die Widmungsgruppe wird nicht durch spezielle Verfolgungsgründe definiert, sondern durch sexuelle Präferenzen oder Identitäten. Das Denkmal sollte also auch einer Charlotte Wolff gewidmet sein. Die lesbische Ärztin und Sexualwissenschaftlerin wurde im Februar 1933 von der Gestapo verhaftet. Die Beschuldigung lautete: Sie sei „eine Frau in Männerkleidung und eine Spionin”xi. Wenige Monate später floh Wolff aus Deutschland. Wenn wir ihrer Autobiografie folgen, sah sie sich insbesondere als Jüdin von den Nationalsozialisten bedroht. Ihr Beispiel veranschaulicht, dass die Gruppe der verfolgten Homosexuellen vielfältiger ist, als es der bisherige Fokus auf wegen Homosexualität verfolgte, schwule Männer glauben macht.

Vor diesem Hintergrund ist unser Gedenken heute auch ein Akt der Aneignung. Der Aneignung eines Denkmals, das aus lesbischer Perspektive durchaus als ambivalenter Ort erscheint. Anfänglich, in den frühen 1990er Jahren, setzten sich die Denkmalinitiatoren für ein Schwulendenkmal ein. Es wurde schließlich, aus meiner Sicht halbherzig, ein Homosexuellen-Denkmal – nicht zuletzt aus Gründen der politischen Durchsetzbarkeit. Man könnte auch sagen: als Zugeständnis an eine heteronormative Gesellschaft. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob das lesbischen Frauen zum Vorteil gereicht hat. Indes besteht ein Denkmal nicht allein aus den Zeichen, die es setzt, und den Absichten der Denkmalsetzer. Seine Bedeutung bestimmen auch die Rituale, die Praktiken, mit denen Gedenkende es verbinden. Dass wir uns heute hier versammeln, können wir auch als eine Neuinterpretation des Denkmals verstehen. Als eine Erweiterung der bislang eher eng gefassten Widmungsgruppe. Umso mehr freue ich mich über Ihr heutiges Kommen, um gemeinsam an das Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus zu erinnern.

i Dobler, Jens: Unzucht und Kuppelei. Lesbenverfolgung im Nationalsozialismus, in: Insa Eschebach (Hg.), Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus, S. 53-62, hier wie auch für die nachfolgenden Zitate S. 61.

ii Dobler, Jens: Von anderen Ufern. Geschichte der Berliner Lesben und Schwulen in Kreuzberg und Friedrichshain. Berlin 2003, S. 73.

iii Vgl. Vogel, Katharina: Zum Selbstverständnis lesbischer Frauen in der Weimarer Republik. Eine Analyse der Zeitschrift „Die Freundin“ 1924-1933, in: Verein der Freunde eines Schwulen-Museums in Berlin e.V. (Hg.), Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850 – 1950. Geschichte, Alltag und Kultur, 2. Auflage, Berlin 1992, S. 162-168, hier S. 162.

iv Zit. nach Dobler: Von anderen Ufern, Berlin 2003, S. 179.

v Vgl. Dobler: Von anderen Ufern, Berlin 2003, S. 112 ff, 179.

vi Schoppmann, Claudia: Hilde Radusch (1903-1994) [online]. Berlin 2005. Unter: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. <http://www.lesbengeschichte.de/bio_radusch_d.html> [9.5.13]. Gedruckte Ausgabe: Schoppmann, Claudia: Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im „Dritten Reich“. Berlin 1993.

vii Schoppmann, Claudia: Zur Situation lesbischer Frauen in der NS-Zeit, in: Günter Grau (Hg.), Homosexualität in der NS-Zeit. Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung, Frankfurt am Main 2004, S. 35-42, hier S. 40.

viii Vgl. den Antrag an den Deutschen Bundestag vom 1.7.03, angenommen am 12.12.03, unter www.gedenkort.de/hin-bt03-antrag.htm [12.5.13]. Auch die Widmungstafel am Denkmal gibt diese Formulierung wieder.

ix Offener Brief des Vereins zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen e.V. vom 18.3.10 unter www.homo-denkmal.lsvd.de/files/Offener%20Brief%20-%20Staatsminister%20Neumann%20100318.pdf [12.5.13].

x E-Mail von Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, vom 27.12.12 an Vertreter_innen von LSVD, Spinnboden Lesbenarchiv und Bibliothek, UM queer, die sich für die genannte Gedenktafel eingesetzt haben.

xi Wolff, Charlotte: Augenblicke verändern und mehr als die Zeit, Pfungstadt 2003, S. 127.

Dr. Claudia Schoppmann

„Verschwiegen und vergessen - Das Leid lesbischer Frauen im Nationalsozialismus“

Gelesen von Sigrid Grajek (SG) und Claudia Schoppmann (CS)


CS:

Wir stehen heute hier, um der lesbischen Frauen zu gedenken, die im ‚Dritten Reich’ verfolgt wurden und gelitten haben. Weil ihre Liebe oder ihr Begehren dem eigenen Geschlecht galt. Oder weil ihnen dies nachgesagt wurde.

Wir erinnern an jene Frauen, die von Nachbarinnen oder Kollegen denunziert, von der Polizei drangsaliert und von Richtern bestraft wurden. Und die in psychiatrischen Anstalten, Fürsorgeheimen, Haftanstalten oder Konzentrationslagern eingesperrt wurden.

Wir erinnern an die Fabrikarbeiterinnen Hildegard Wiederhöft und Helene Treike aus Berlin.

SG:

Hildegard Wiederhöft, geboren 1909, und ihre 3 Jahre ältere Freundin Helene Treike wurden 1940 von einer Nachbarin denunziert. Sie gab an, verdächtige Geräusche aus der Nebenwohnung gehört zu haben. Das Zusammenleben der Frauen entspreche nicht dem „gesunden Volksempfinden“. Hildegard Wiederhöft und Helene Treike wurden von der Gestapo gezwungen, auseinander zu ziehen und den Kontakt abzubrechen. Helene Treike, die sich zu ihren lesbischen Beziehungen bekannt hatte, wurde von der Gestapo unter Beobachtung gestellt.

CS:

Wir erinnern an die Krankenschwester Frieda Kähler aus Hamburg.

SG:

Frieda Kähler, geboren 1900, wurde 1936 von einem Arzt denunziert. Sie gab zu, ein Verhältnis mit zwei Patientinnen gehabt zu haben. Im Mai 1937 wurde sie vom Landgericht Hamburg nach §174 zu 9 Monaten verurteilt. „Unzucht mit Abhängigen“ nannten das die Richter. Frieda Kählers Gnadengesuch wurde abgelehnt. Sie verbüßte ihre Haftstrafe im Gefängnis Fuhlsbüttel. Danach durfte sie 5 Jahre lang ihren Beruf nicht ausüben. Ihre wirtschaftliche Existenz war ruiniert.

CS:

Wir gedenken der Arbeiterin Elly Smula aus Berlin.

SG:

Elly Smula, geboren 1914, wurde bei der Straßenbahn dienstverpflichtet. Durch ihren Arbeitgeber, die Berliner Verkehrsbetriebe, angezeigt, wurde sie am 12. September 1940 verhaftet und von der Gestapo verhört. Man warf ihr vor, mit ihren Kolleginnen auf nächtlichen Parties Sex gehabt und am nächsten Tag nicht ihren Dienst versehen zu haben. Am 30. November 1940 wurde sie ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Als Haftgrund war „politisch“ mit dem Zusatz „lesbisch“ vermerkt. Am 8. Juli 1943 starb sie in Ravensbrück. „Ganz plötzlich“, wie ihre Mutter nach dem Krieg schrieb.

CS:

Wir erinnern an Inge Scheuer, Fotolehrling aus Angermünde.

SG:

Inge Scheuer, geboren 1924, wurde 1943 zum Heeresdienst als Marinehelferin verpflichtet. Wegen eines Verhältnisses mit einer Kameradin wurde sie entlassen und vom Gesundheitsamt Angermünde im März 1944 wegen ihrer „gleichgeschlechtlichen Veranlagung“ in die psychiatrische Landesanstalt Brandenburg-Görden eingewiesen. Um zu prüfen, ob eine Unterbringung im sogenannten „Jugendschutzlager“ für Mädchen notwendig sei, das zum Lagerkomplex Ravensbrück gehörte. Nach 6 Wochen wurde sie nach Hause entlassen. Sie überlebte die Kriegszeit.

CS:

Wir erinnern an Marie Glawitsch aus Österreich.

SG:

Marie Glawitsch, geboren 1920 in Graz, wurde im September 1939 wegen Diebstahls und nach §129 zu 6 Monaten verurteilt. §129 des österreichischen Strafgesetzbuches bestrafte gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen. Oder wie es im Juristendeutsch hieß: „Unzucht mit einer Person desselben Geschlechts“. Weitere Haftstrafen wegen Diebstahls folgten. Am 31. Oktober 1942 wurde die 22-Jährige ins Frauen-KZ Ravensbrück eingewiesen und als sogenannte „Berufsverbrecherin“, d.h. als „Kriminelle“ gekennzeichnet. Marie Glawitsch starb 1966. Im Alter von 46 Jahren.

CS:

Wir erinnern an die Arbeiterin Erna Kubbe aus Berlin.

SG:

Erna Kubbe, geboren 1887, wurde am 24. Januar 1938 verhaftet, weil sie „öffentlich Männerkleidung“ trug, obwohl ihr eine hierzu erteilte Genehmigung 1933 entzogen worden war. So stand es im „Schutzhaftbefehl“ der Gestapo. Sie wurde ins Frauen-Konzentrationslager Lichtenburg in Sachsen-Anhalt verbracht. Nach 10 Monaten, im Oktober 1938, wurde sie entlassen.

CS:

Wir gedenken der jüdischen Verkäuferin Mary Pünjer aus Hamburg.

SG:

Mary Pünjer, geboren 1904 als Mary Kümmermann, arbeitete im elterlichen Geschäft für Damenkonfektion in Wandsbek. Am 24. Juli 1940 wurde sie festgenommen, vermutlich bei einer Razzia in einem einschlägigen Lokal. Fast 3 Monate verbrachte sie im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel. Am 12. Oktober 1940 wurde sie ins KZ Ravensbrück eingeliefert. Als Haftgrund war „asozial“ mit dem Zusatz „lesbisch“ vermerkt. Im Tötungstrakt der „Heil- und Pflegeanstalt“ Bernburg bei Dessau wurde sie mit Gas ermordet. Vermutlich im Frühjahr 1942.

CS:

Wir erinnern an die kaufmännische Angestellte und Lesbenaktivistin Elsa Conrad.

SG:

Elsa Conrad, geboren 1887 als Elsa Rosenberg, führte unter anderen den mondänen Damenklub „Mali und Igel“. Im März 1933 wurde auch dieses Lokal geschlossen. Im Herbst 1935 wurde Elsa Conrad, die nach den „Rassengesetzen“ als „Mischling“ galt, denunziert. Sie habe sich als „Arierin“ ausgegeben, habe „Verhältnisse zu lesbisch veranlagten Frauen" unterhalten und sich abfällig über Hitler geäußert. Wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ wurde sie vom Sondergericht Berlin zu 15 Monaten Haft verurteilt. Sie verbüßte sie in den Frauengefängnissen Kantstraße und Barnimstraße in Berlin. Am 14. Januar 1937 überstellte die Gestapo sie ins Frauen-KZ Moringen. Im Februar 1938 aus Moringen entlassen, konnte sie nach Ostafrika fliehen. Sie starb 1963 in Hanau.

CS:

Wir erinnern an die Arbeiterin Elisabeth Rinck aus Hamburg.

SG:

Elisabeth Rinck, geboren 1923 als Elisabeth Knur, war von 1940 bis 1942 in verschiedenen Erziehungsheimen untergebracht. Im Juni 1944 wurde sie vom Amtsgericht Hamburg zu 15 Monaten Haft wegen Diebstahls verurteilt, die sie in der Strafanstalt Bützow in Mecklenburg verbüßte. In einem Fürsorgebericht wurde sie als „arbeitsscheu, stark verwahrlost und lesbischen Umgang pflegend“ beschrieben. Das Amtsgericht Hamburg leitete außerdem ein Entmündigungsverfahren wegen angeblicher „Geistesschwäche“ gegen sie ein. So konnte sie nach Haftverbüßung zur „Arbeitserziehung und Disziplinierung“ in die Anstalt Farmsen eingewiesen werden. Erst 1964 wurde die Entmündigung vom Amtsgericht aufgehoben.

CS:

Unbekannt ist bis heute, wie vielen Frauen Unrecht angetan wurde, weil sie gegen die Sexualnormen des Regimes verstoßen haben. Auch wenn sie nicht im selben Ausmaß und auf ähnliche Weise verfolgt wurden wie homosexuelle Männer: 68 Jahre nach Kriegsende – und 5 Jahre nach der Einweihung dieses Denkmals – ist es höchste Zeit, an die „vergessenen“ lesbischen Opfer zu erinnern und ihrem Leid öffentlich zu gedenken.

Dr. Günter Grau

"Wider das Verschweigen"

Der Ort, an dem wir uns versammelt haben, soll „die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wach halten und ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen“. So steht es im Beschluss des Deutschen Bundestages von 2003 und so steht es auch auf der Widmungstafel wenige Meter von hier entfernt. 

Und seit der Einweihung des Denkmals im Jahr 2008 wird hier erinnert an Unrecht. Allerdings nur an all das Unrecht, das Männer erlitten haben, die unter dem Nazi-Regime wegen homosexueller Handlungen strafrechtlich verfolgt und verurteilt wurden bis hin zur Ermordung Tausender in den Konzentrationslagern. Nicht eine Veranstaltung hat es in den zurückliegenden sechs Jahren gegeben, die dem Gedenken an das Leid lesbischer Frauen gewidmet war – ihrer Ausgrenzung, ihrer Unterdrückung und ihrer Entwürdigung im so genannten Dritten Reich. Bei der Unterlassung handelt es sich nicht etwa um ein Versehen. Nein, es war Absicht. Diese ist durchaus belegbar, belegbar durch einen erbittert geführten Streit. Er dauert bis heute an und sein erklärtes Ziel ist, diesen Ort exklusiv zur Erinnerung an das Leid einschlägig verurteilter Männern zu reservieren. Die Rechtfertigung dafür wird gleich mitgeliefert. Sie lautet: Nur sie seien – im Unterschied zu lesbischen Frauen – strafrechtlich verfolgt worden, ihre Situation dadurch – und ebenfalls im Unterschied zu der der Lesben – zweifelsfrei zu dokumentieren.

Die Betonung der Unterschiede in der strafrechtlichen Situation ist richtig. Falsch jedoch ist die daraus gezogene Schlussfolgerung, lesbische Frauen hätten unter dem NS-System nicht gelitten. Oder anders ausgedrückt: Die Fixierung auf die strafrechtliche Verfolgung und auf das Dokumentierte greift zu kurz, weil sie dazu führt, andere Formen von Unrecht zu ignorieren. Corinna Tomberger hat die wichtigsten genannt, Claudia Schoppmann und Sigrid Grajek haben uns exemplarisch an Einzelschicksalen die Auswirkungen vor Augen geführt. Summarisch zusammen gefasst, lautet die Schlussfolgerung: Lesbische Frauen haben unter dem NS-Regime, unter seiner antihomosexuellen Propaganda und der Drohung mit dem KZ gelitten, nur – so hat es einmal Rüdiger Lautmann formuliert – „anders als die homosexuellen Männer und in weniger hervorstechender Weise“.

In der Erinnerungskultur sollten wir uns vor einer Hierarchisierung der Opfer, vor dem Gegeneinander-Aufrechnen von Leid hüten, um eine Instrumentalisierung von Erinnerungs- und Gedenkpolitik zu vermeiden. Mit dem Ausschluss von Opfergruppen aus der Gedenkarbeit an diesem Ort – und das betrifft nicht nur die Opfergruppe der lesbischen Frauen, sondern auch das Schicksal transsexueller und transidenter Menschen im Nationalsozialismus – würde dieses Mahnmal, das dem Gedenken an Unrecht dienen soll, zu einem Ort von Unrecht.

Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft – für die ich die Ehre habe, hier sprechen zu dürfen – sieht, ganz im Sinn ihres Namenpatrons, eine wichtige Aufgabe ihrer politischen Arbeit darin, sich für Emanzipation über alle Geschlechtergrenzen hinweg zu engagieren. Aus diesem Selbstverständnis heraus möchte ich Sie an diesem Denkmal mahnen, niemanden zu vergessen, dem unter dem Terrorregime Leid widerfahren ist, Unrechtslogiken zu entlarven und sich für ein unveräußerliches Gut unserer Gesellschaft  einzusetzen: für Gerechtigkeit. 

"Knöpfe aus Perlmutt" zu erwerben

Ein Dokumentarfilm von Anke Schwarz über vier Handwerkerinnen auf der Walz
D 2011, 72 Minuten

Handwerkerinnen gehen auf die Walz. Das haben sie schon im Spätmittelalter gemacht und tun es heute wieder. Jahrhunderte lang war ihnen der Zugang zu Schächten - den Vereinigungen von Gesellen - verboten, bis sie sich in den 1970ern ihr Recht auf Wanderschaft (zurück) eroberten. Es gibt im deutschsprachigen Raum drei Vereinigungen von reisenden Handwerkerinnen, zu denen Frauen und Männer Zutritt haben. In diesen Organisationen können Frauen als Handwerkerinnen ihren Beruf ausüben und in Kluft auf die Walz gehen. Die meisten Schächte verwehren aber nach wie vor Frauen das Recht, ihrem Handwerk frei und reisend nachzugehen.

In "Knöpfe aus Perlmutt" erzählen vier reisende Handwerkerinnen von ihren Erlebnissen auf der Walz. Sie lassen uns teilhaben an ihrer Abenteuerlust oder dem Wechselbad zwischen Freiheitsgefühl und permanenter Öffentlichkeit.

Den Film gibt es ab sofort bei uns zu erwerben. Ein Teil des Erlöses geht an den Spinnboden.

Nicht zu übersehen – der Gedenkort für Hilde Radusch

Am 22. Juni 2012 um 17 Uhr war es endlich so weit. Der erste Gedenkort, der an eine lesbische Frau erinnert, wurde eingeweiht. Miss Marples Schwestern, dem Netzwerk zur Frauengeschichte vor Ort, ist es zu verdanken, dass in Schöneberg Ecke Eisenacher Straße/Winterfeldtstraße nun drei Tafeln stehen, die Hilde Radusch gewidmet sind.
Einen Tag vorher hatte es noch geregnet, doch am Freitag, pünktlich um 17 Uhr, schien die Sonne – die Einweihung konnte beginnen. Es startete mit einer Performance: Im Kreis um die drei (Ge)Denktafeln herum standen Miss Marples Schwestern und riefen sich zu. Es war eine Wort-Klang-Collage aus Hilde-Radusch-Texten, Schlagwörtern zu deren Person sowie eigenen Gedanken und ließ die vielen Facetten der Hilde Radusch erahnen.

Danach wurde es förmlicher, aber nicht weniger herzlich. Die Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler erinnerte an die Strapazen, die mit der Durchführung des Projekts verbunden waren und freute sich deshalb umso mehr, nun endlich an der Einweihung teilnehmen zu können.

Zuletzt kamen noch einmal die Frauen von Miss Marples Schwestern zu Wort. Diesmal erhielt jede Einzelne das Mikrophon und damit die Gelegenheit, von dem zu sprechen, was ihr wichtig ist, ob es die Erinnerung an Hilde Radusch war oder der Aufruf, weiter nach Frauen- und Lesbengeschichte zu forschen.

Es war ein schöner Tag und eine schöne Veranstaltung, es hatte etwas von einem „Klassentreffen“ an sich. Man sah Gesichter, denen man schon lange nicht mehr begegnet war – wie beispielsweise der eigenen Nachbarin. Auch das zeigt, was lesbische Erinnerungs- oder Gedenkorte sein können: ein Band, das uns verbindet – untereinander und mit unserer Geschichte. Einer Geschichte, die leider noch viel zu wenig bekannt ist. Das sollte sich ändern.

Miss Marples Schwestern gebührt Dank und Anerkennung, dass sie sich 5 Jahre lang für diesen Gedenkort eingesetzt haben.

(P.S.: Sogar eine Großnichte von Hilde Radusch war anwesend.)

Ilke Vehling

Sammlung von Anke Schäfer

„Rückblickend kann ich sagen: ich wollte in allen Bereichen arbeiten, die mit Büchern zu tun haben – und das ist mir gelungen."

Anke Schäfer, am 9. August 1938 in Berlin geboren, ist Buchhändlerin, Verlagskauffrau, Verlegerin, Herausgeberin und feministisch-lesbische Aktivistin.
1976 gründete sie mit Frauen, die sie im Frauenzentrum Interessenkreis Frauenemanzipation kennengelernt hatte, den Wiesbadener Frauenbuchladen Sappho. Bereits zwei Jahre später folgten der Frauenbuchversand und zeitgleich der Frauenliteraturvertrieb, durch den vor allem Autorinnen, die im Selbstverlag veröffentlichten, und kleine feministische Verlage eine Vertriebsmöglichkeit für ihre Publikationen erhielten. Ab 1984 wirkte sie als Herausgeberin des Lesbenkalenders, brachte 1986 mit der Virginia die erste deutschsprachige Zeitschrift für Frauenbuchkritiken heraus und warb als Netzwerkerin unermüdlich auf allen feministischen Buchmessen von 1984 in London bis 1994 in Melbourne, auf der Frankfurter Buchmesse, der Düsseldorfer TOP und zahlreichen anderen Veranstaltungen für die Literatur von Frauen und vor allem von Lesben. Mit der Gründung des Vereins SAFIA (Selbsthilfe alleinlebender Frauen im Alter) vernetzte sie viele ältere Lesben, die mit ihr in der Frauenbewegung aktiv gekämpft hatten und unterstütze die Gründung von lesbischen Wohnprojekten.
2000 erhielt Anke Schäfer für ihr frauen- und lesbenpolitisches Engagement, von dem unzählige Frauen bis heute profitieren, das Bundesverdienstkreuz. 

Wir freuen uns sehr, die Sammlung von Anke Schäfer in unser Archiv aufnehmen zu dürfen und wünschen ihr herzlich: Alles Gute!

Quelle: Fembio.org

Audre Lorde - Die Berliner Jahre 1984 bis 1992 (copy 1)

 

 

Der Film Audre Lorde - Die Berliner Jahre von 1984 bis 1992 von Dagmar Schultz dokumentiert Lordes Beiträge zum deutschen Diskurs über Rassismus, Xenophobie, Antisemitismus, Klassenunterdrückung und Homophobie. 

Zur Realisierung des Projektes werden noch dringend Sponsor_innen gesucht. Weitere Informationen dazu gibt es hier.

Aus dem Nachlass von Anna Elisabet Weirauch


Anlässlich der Magnus-Hirschfeld-Tage 2012 haben wir einige seltene Fotos und Dokumente aus dem Nachlass von Anna Elisabet Weirauch für euch zusammengestellt.

Anna Elisabet Weirauch wurde am 7. August 1887 in Galatz/Rumänien geboren. Vorallem berühmt für die annähernd 100 Erzählungen,  Theaterstücke, Kurzgeschichten, Artikel und Romane, darunter ihre wohl bekannteste Romantrilogie "Der Skorpion", war Weirauch aber auch eine begnadete Schauspielerin. Um die Jahrhundertwende kam sie mit Mutter und Schwester nach Berlin, wo sie von 1906 bis Kriegseintritt in insgesamt 82 Reinhardt-Inszenierungen am Deutschen Theater auftrat.
Nach dem Krieg widmete sie sich ausschließlich dem Schreiben und lebte, bis zu ihrem Tod am 21. Dezember 1970, mit der Niederländerin Helena Geisenhainer zusammen. A.E. Weirauch liegt auf dem Friedhof „Domkirchhof St. Hedwig“ in Berlin-Reinickendorf begraben.

um 1904 am Deutschen Theater
Ankündigung von "Ein Sommernachtstraum" in "Die Woche" 1906
Kostüm als "Die Milch" in "Der blaue Vogel"
"Orpheus in der Unterwelt" um 1906 (Weirauch Kopf rechte Wolke)
aus dem "Weltspiegel" vom 12. März 1916: "Gastspiel hervorragender Berliner Bühnenkünstler am Deutschen Theater in Kowno" (heute Kaunas, Litauen), Weirauch zweite v.r.
Der Skorpion, 1. Auflage, 1919
Rezensionen zu "Die kleine Dagmar" und "Der Skorpion" im "Berliner Tagblatt" vom 19. März und 27. August 1919
Brief der Redaktion der "Eleganten Welt" an Weirauch mit Rezension zu "Der Skorpion" 1930
Ankündigung Romanveröffentlichung o. D.
Ankündigung im "Berliner Lokal-Anzeiger" zum Roman "Das Schicksal der Nina van't Hell" 1924

Insa Eschebach - Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus

In der Reihe Forschungsbeiträge und Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten ist der sechste Band mit dem Titel „Homophobie und Devianz“ unter der Herausgeberschaft von Insa Eschebach erschienen.

Die Frage nach der Vergleichbarkeit der Verfolgung von männlicher und weiblicher Homosexualität im Nationalsozialismus zieht sich als roter Faden durch den Band. Hierbei wird angeknüpft an die Debatte um historische Bedeutungen und aktuelle gedächtnispolitische Auswirkungen.

Der historische Bezug wird im ersten Teil des Buches hergestellt, in dem es um einen allgemeinen Blick auf das Thema Homosexualität im Nationalsozialismus geht.


Um konkrete Personen und Orte geht es im Kapitel „Homophobie und Homosexualität in den Lagern“. Hierbei werden einige Forschungslücken geschlossen, die in den vorangegangenen Debatten viel Raum für Spekulationen gelassen hatten. Den konkreten Bogen zur aktuellen Debatte schlagen die Artikel im abschließenden Teil „Erinnerungsgeschichte, Kontroversen und die Praxis des Gedenkens“. Vor allem dieser Teil des Buches ist vor der Kontroverse um die Einweihung des neuen Filmes des Berliner Homosexuellen-Denkmals von aktueller Bedeutung.

Eine im Zusammenhang der Diskussion um die Ausblendung lesbischer zugunsten schwuler Identität beim Mahnmal, interessante aufgeworfene Frage stellt Eschebach selbst: Ist der Kampf um die Aufnahme einer lesbischen Perspektive nur wieder ein Kampf um „prekären und traditionell subalternen Status lesbischer Identität“? Gibt es andere konstruktivere und vor allem aktivere Herangehensweisen sich aus dieser Einverleibung zu lösen?

Der vorliegende Band ist ein Zwischenergebnis bei der Suche nach einem Weg aus diesem Dilemma. Er ist eine Bilanz, bietet gleichzeitig über die reine Zusammenfassung des status quo aber gute Anregungen für einen kreativen Umgang mit der Kontroverse, die über ein reines Gegeneinander lesbischer und schwuler Identitäten hinausweisen will.

Franziska Harnisch

Hilde Radusch: Immer Kämpferin, nicht Opfer

Hilde Radusch (geboren am 6.11.1903 in Altdamm, gestorben am 2.8.1994 in Berlin) verlässt im Alter von 18 Jahren ihr konservatives Elternhaus in Weimar und zieht alleine nach Berlin, um sich dort im Kommunisitischen Jugendverband, später in der KPD, speziell im Roten Frauen- und Mädchenbund, zu engagieren. Sie beginnt in ihrer Freizeit politisch zu arbeiten, schreibt Artikel für die "Frauenwacht", die Zeitung des Roten Frauen- und Mädchenbundes, und spicht auf Veranstaltungen. Zudem wird sie als im Öffentlichen Dienst tätiges KPD-Mitglied Betriebsrätin bei der Post und vertritt in dieser Rolle ihre Kolleginnen vor dem Amtsgericht. Mit nur 26 Jahren wird sie zudem für die nächsten drei Jahre Stadtverordnete für die Berliner KPD. Nach den Wahlen 1932, die große Stimmengewinne der Nationalsozialisten mit sich bringen, beteiligt sich Hilde Radusch zunächst noch am Aufbau einer illegalen Postleitung, was jedoch durch ihre Verhaftung am 6.4.1933 unterbunden wird. Aus der "Schutzhaft" im Frauengefängnis in der Barnimstrasse wird sie entlassen, noch bevor die Überstellung politischer Gefangener in ein KZ der Regelfall wurde. Fortan hällt Hilde Radusch sich mit illegaler Arbeit bei Siemens über Wasser, die Überwachung durch

die Gestapo erfordert mehrere Wohnungswechsel; an Emigration denkt sie nie. 1939 verliebt sie sich in Eddy, eine Nachbarin in der Oranienburger Straße, die für die nächsten 21 Jahre ihre Lebensgefährtin wird. Die beiden eröffnen 1941 ein Restaurant ohne Getränkeausschank, die "Lothringer Küche". Hilde Radusch kümmert sich um die Beschaffung der stark rationierten Lebensmittel und organisiert Unterschlupf für aus dem Gefängnis entlassene Frauen. Im August 1944 entgeht sie knapp der "Gitter-Aktion", die 5000-6000 ehemalige Abgeordnete der Arbeiter- und der bürgerlichen Parteien ins KZ bringt. Fortan taucht sie mit Eddy in Prieros (Königswusterhausen) unter und verbringt dort die letzten Kriegstage in einer Holzhütte. Nach Kriegsende arbeitet Hilde Radusch für das Bezirksamt in der Abteilung "Opfer des Faschismus". Nach Eddys krebsbedingten Tod 1960 beteiligt sie sich in den 70er Jahren an der Gründung der L74 sowie des FFBIZ und anderen feministischen Aktionen, schreibt Gedichte und Prosatexte. Schließlich stirbt Hilde Radusch 1994 und wird auf dem St. Matthäus Kirchhof in Schöneberg beerdigt.

Quelle:
Schoppmann, Claudia. Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im "Dritten Reich". Berlin: Orlanda Frauenverlag 1993.

Tribaden, Femmes und Kesse Väter

Impressionen vom "Langen Tag der Lesbengeschichte(n)" im Schwulen Museum am 12.11.2011

© Susanne Mayer

46. Treffen der deutschsprachigen Frauen/Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen vom 3. bis 6. November in Bozen/Südtirol

Im Frauenmuseum Meran

Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre

Titel "Liebende Frauen" Jg. 2, Nr. 25, 1927

Aus "Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre" von Heike Schader, Ulrike Helmer Verlag, 2004:

Die Zeitschriften homosexueller Frauen, die in Berlin in den Jahren 1924-1933 erschienen sind, bilden eine außergewöhnlich geschlossene Dokumentation der Selbstdarstellung homosexueller Frauen. Sechs Titel können bisher nachgewiesen werden: Die Freundin, Ledige Frauen, Frauenliebe, Frauen, Liebe und Leben, Garconne und BIF - Blätter Idealer Frauenfreundschaft. [...]

Die LeserInnen hat meist die Wahl zwischen zumindest zwei Zeitschriften, die kontinuierlich erschienen und im öffentlichen Handel erhältlich waren. Damit stellen die Zeitschriften, als Ganzes betrachtet, eine außergewöhnliche Kontinuität und Zuverlässigkeit in der Darstellung von weiblich-homosexuellem Leben dar. Gestützt wird diese Bedeutung noch dadurch, dass die untersuchten Zeitschriften in Form und Inhalt viele Übereinstimmungen zeigen. [...]

 

Gedichtbeitrag "Liebende Frauen", Jg. 4, Nr. 23, 1929

Als Gruppenmedien waren die Zeitschriften Foren für die Belange der homosexuellen Leserinnengruppe. Es wurden Veranstaltungshinweise und Berichte über kulturelle/unterhaltende Ereignisse der homosexuellen Gemeinschaft verbreitet. Die Leserinnen hatten im Allgemeinen die Möglichkeit, durch Leserinnenbriefe Themen in diese Zeitschriften einzubringen. Die Mischung aus redaktionellen, literarischen und Leserinnenbeiträgen war in allen Zeitschriften nahezu gleich. [...]

Die Zeitschriften waren ein wichtiges Mitteilungsorgan einer weiblich-homosexuellen Gemeinschaft. Die Vereins- und Lokalnachrichten gaben einen Einblick in das homosexuelle Leben in Berlin und ließen die Leserinnen am Zeitgeschehen teilnehmen,

 

Anzeigenteil "Liebende Frauen", Jg. 2, Nr. 44, 1927

auch wenn ihnen dies aus finanziellen oder räumlichen Gründen persönlich nicht möglich war. In den Zeitschriften fand nicht nur ein Austausch über Erfahrungen statt, sondern die Zeitschriften bildeten außerdem eine Instanz, die soziales homosexuelles Leben prägte. Durch den in den Zeitschriften formulierten Zusammenhang von Verhalten und Homosexualität wurden Bilder von Handlungsmustern und -möglichkeiten gezeichnet. Diese Bilder konnten in den privaten Raum transportiert und mit dem eigenen Verhalten oder eigenen Vorstellungen in Beziehung gesetzt und von jeder einzelnen Leserin überprüft werden. Die Sachartikel und Leserinnendebatten dokumentieren einen Einstieg und eine kontinuierliche Partizipation an den aktuellen Diskursen. Am Ende stehen die literarischen Beiträge für die Formulierung von Wünschen, Träumen und Idealen, die mal mehr, mal weniger mit der eigenen Lebensrealität verknüpfbar waren. Die Zeitschriften waren somit ein Forum für die Konstitutionierung homosexueller Ideale und Werte.

Audre Lorde - Die Berliner Jahre 1984 bis 1992

Audre Geraldine Lorde (geboren am 18. Februar 1934 in Harlem, New York City, gestorben am 17. November 1992 in Christiansted, Saint Croix, Amerikanische Jungferninseln) bezeichnete sich selbst als „black lesbian feminist mother poet warrior“. Sie ist eine Ikone der Afrikanisch-amerikanischen und der Lesbisch-feministischen Bewegungen in den USA.

1984 kam Audre Lord, wie sie sich selbst nannte, zur deutschsprachigen Veröffentlichung ihrer Werke und als Gastprofessorin an der Freien Universität nach Berlin. Es folgte "ein wenig beachtetes Kapitel ihres Lebens [...] die Jahre, in denen Audre Lorde Schwarze Deutsche inspirierte, ihre Identität mit Stolz einzufordern. Afro-Deutsche – für die es zu dieser Zeit weder eine eigen bestimmte Benennung noch einen gemeinsamen Raum gab – folgten Audre Lordes Einladung, einander kennenzulernen, mit Schriften an die Öffentlichkeit zu treten und Netzwerke zu bilden. Gleichzeitig ermutigte sie die Weiße feministische Bewegung, Privilegien zu erkennen und konstruktiv mit Unterschieden umzugehen."

Dagmar Schultz, von 1974 bis 2001 Verlegerin des Orlanda Frauenverlags, lernte Audre Lorde 1980 auf der Weltfrauenkonferenz in Kopenhagen kennen. Mit der Herausgabe der deutschen Übersetzung ihrer Werke trug Dagmar Schultz maßgeblich zur Diskussion über Rassismus und Antisemitismus in der deutschen Frauenbewegung bei. Jetzt produziert sie den Film Audre Lorde – Die Berliner Jahre 1984 bis 1992, der Lordes Beiträge zum deutschen Diskurs über Rassismus, Xenophobie, Antisemitismus, Klassenunterdrückung und Homophobie dokumentiert. "Eine Vielzahl von Fotos, Video- und Tonbandaufnahmen zeigen Audre als Gastprofessorin, in Lesungen und Diskussionen, „on stage“ und „off stage“ in Berlin, der Stadt, die für sie eine dritte Heimat wurde. Der Film gibt auch einen Einblick Audres Kampf mit ihrer Krebserkrankung. 1984 kam sie nach Berlin mit einer Prognose von sechs Monaten Lebenszeit seitens ihrer Ärzte in den USA. In Berlin entdeckte sie biologische Behandlungsmethoden, die dazu beitrugen, ihr Leben um acht Jahre  zu verlängeren."

Zur Realisierung des Projektes werden noch dringend Sponsor_innen gesucht. Weitere Informationen dazu gibt es hier.

... die weltweit "erste lesbenpolitische Rede"?

Theo Anna Sprüngli, 1910

Theo Anna Sprüngli wurde am 15. August 1880 in Hamburg als Tochter eines Schweizer Überseekaufmannes geboren. Dort wuchs sie in einer "hanseatisch-strengen Atmosphäre des Vaterhauses" auf, besuchte eine höhere Töchterschule und nahm Klavier- und Musiktheorieunterricht. Mit 17 Jahren begann sie ihre journalistische Laufbahn, indem sie für das Hamburger Fremdenblatt schrieb. Im Anschluss an ihren Gymnasialabschluss in Stuttgart arbeitete sie in den Jahren 1905/06 beim Berliner Scherl-Verlag, einem der größten Zeitungskonzerne der Stadt, der u.a. die Zeitung "Der Tag" und den "Berliner Tages-Anzeiger" veröffentlichte. In dieser Zeit erschien unter ihrem Pseudonym Th. Rüling im Leipziger Max Spohr-Verlag ihr Novellenband "Welcher unter Euch ohne Sünde ist... Bücher von der Schattenseite", der zwei schwule und drei lesbische Geschichten beinhaltet, zwei davon mit für diese Zeit ungewöhnlichem Happy End.
Von Berlin aus ging Theo Anna Sprüngli nach Düsseldorf, wo sie drei Jahrzehnte lang lebte und arbeitete. Sie schrieb für die "frauenrechtlerisch äußerst gemäßigte, national-patriotistische Neue Deutsche Frauen-Zeitung", die später unter Männerregie als "Der Bürger" erschien und Organ des "Deutschen Frauenklubs" wurde. Dafür verfasste Sprüngli vorallem Artikel über Musik und Kultur, schrieb Buchrezensionen und

Kopie der Erstauflage des Novellenbandes "Welcher unter Euch ohne Sünde ist... Bilder von der Schattenseite", 1906, Max Spohr-Verlag

Reiseberichte, sowie Texte über den "Rheinischen Frauenklub" und den "Freiburger Hausfrauenbund". 1914 wurde im Kölner Tonger-Verlag "Kurzer Abriß über die Musikgeschichte" veröffentlicht, 1921 folgte "Das deutsche Volkslied", beides Fachbücher über Musik. Ab 1922 arbeitete sie als Journalistin bei den "Düsseldorfer Nachrichten" und für die "Düsseldorfer Lokal-Zeitung", sowie als freie Mitarbeiterin für Zeitungen in Bremen, Dortmund, Hamburg und Leipzig. Neben ihrem journalistischen und schriftstellerischen Schaffen engagierte sich Sprüngli politisch in diversen Frauenorganisationen, deren zentrales Anliegen der "wirtschaftliche und sittliche Aufstieg unseres deutschen Vaterlandes" war. Ihre Zugehörigkeit zum Reichsverband Deutscher Schriftsteller, ihre unklare Rolle während des Nationalsozialismus (Mitfrau der NSDAP war sie vermutlich nicht) und die teilweise patriotisch, nationalistisch und kriegsbefürwortende Wortwahl ihrer Texte zeigen, dass Sprüngli nicht unkritisch zur Pionierin der Lesbenbewegung erhoben werden kann. Ende der Dreißiger Jahre Verließ die Journalistin Düsseldorf, um am Ulmer Stadttheater zu arbeiten. Später ließ sie sich in Delmenhorst nieder und wirkte bis zu ihrem Tod am 8. Mai 1953 am dortigen städtischen Theater, bei der "Delmenhorster Zeitung" und der "Nordwestzeitung".

Kokula, Ilse: Weibliche Homosexualität um 1900 in zeitgenössischen Dokumenten, 1981, Frauenoffensive

Die historisch bedeutungsvolle, selbstbewusste Rede mit dem Titel "Welches Interesse hat die Frauenbewegung an der Lösung des homosexuellen Problems?" (erstmals veröffentlicht im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen Band 7" 1905) hielt sie vierundzwanzigjährig als Anna Rüling am 9. Oktober 1904 auf der Jahresversammlung des wissenschaftlich-humanitären Komitees. Das WhK wurde 1897 von dem Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868-1935) gegründet und gilt als weltweit erste Homosexuellenorganisation. Sprüngli bezeichnet in ihrer Rede die Frauenbewegung als "kulturgeschichtliche Notwendigkeit" und Homosexualität als "naturgeschichtliche Notwendigkeit" und kritisiert damit die "Ignoranz und Tabuisierung von Homosexualität seitens der Alten Frauenbewegung". Dafür wurde sie seitens des Bundes deutscher Frauenvereine scharf attackiert. Im WhK selbst führte die Rede ebenfalls zu großen Diskussionen. Grund dafür war weniger der Inhalt, der die meisten männlichen Mitglieder wahrscheinlich nicht interessierte, sondern die Tatsache, dass Sprüngli sich darin selbst als homosexuell darstellte. Diese "Verherrlichung" stand im Gegensatz zum Auftrag des WhK, der Aufklärung über Homosexualität, und stellte deren wissenschaftliche Objektivität in Frage.

 

Quellen:
Leidinger, Christiane: Eine zwiespältige Ahnin. Die Journalistin Theo Anna Sprüngli (1880-1953) - besser bekannt als Rednerin Anna Rüling. Berlin 2005

Dennert, Gabriele; Leidinger, Christiane; Rauchut, Frankziska: In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Berlin 2007

"Sagenhaftes Island"

Unter diesem Motto wird sich Island vom 12. bis 16. Oktober auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse als Ehrengastland präsentieren. Schirmherrin des Verbandes "Sagenhaftes Island" ist die ehemalige Präsidentin Vigdís Finnbogadóttir, die 1980 zum ersten weiblichen Staatsoberhaupt in Europa gewählt wurde. Auch 2009, mit der Wahl der aktuellen Präsidentin Jóhanna Sigurðardóttir, bricht das "feministischste Land der Welt" (2010 zum zweiten Mal in Folge im "Global Gender Gap Ranking" des Weltwirtschaftsforums auf Platz 1 gewählt) Rekorde - sie ist die erste homosexuelle Regierungschefin überhaupt. Mit ihrer Lebensgefährtin Jónína Leósdóttir war sie 2002 das erste gleichgeschlechtliche Paar Islands, das eine kirchlich gesegnete Ehe einging.

Jónína wird auf der Buchmesse ihr neuestes Buch "Am liebsten gut" (2011, Kiepenheuer & Witsch) vorstellen.

ABSCHIED VON GISELA NECKER (10.NOVEMBER 1932 - 24.JUNI 2011)

Am vergangenen Sonntag, den 18. September, fand im Naked Lunch in der Weiberwirtschaft eine Gedenkveranstaltung zu Ehren von Gisela Necker statt. Sie war Bibliothekarin und hat maßgeblich beim Aufbau des Lesbischen Aktionszentrums mitgewirkt.

... die Lila Nächte?

Lila Nächte, 1. Auflage, 1981, Zitronenpresse Frauenbuchverlag, Köln

Aus dem Vorwort von Adele Meyer (September 1981):

Ein bißchen vorweg und drumherum

Eigentlich entstanden die LILA NÄCHTE im vorigen Jahr auf dem Berliner Trödelmarkt. Da nämlich fand eine Freundin das Buch "Berlins lesbische Frauen", geschrieben 1928 von einer gewissen Ruth Roellig. Für drei Mark hat sie es erstanden, und ich habe es ihr auf der Stelle abgeschwatzt. Noch im Gehen habe ich angefangen zu lesen - und war begeistert. Endlich mal was zum Vergnügen und vom Vergnügen! Allein schon der Titel, die phantasievollen Klubnamen und nicht zuletzt die Liedstrophe "Wenn de denkst der Mond geht unter - der geht nicht unter, der tut bloß so" haben in mir die Lust an einem Nachdruck entstehen lassen.

Durch das Buch wurde meine Neugierde geweckt, mich näher mit den Lesben der 20iger Jahre zu beschäftigen. [...] Die meisten Dokumente dieser Zeit sind den damals erschienenen Lesbenzeitschriften "Frauenliebe" und "Die Freundin" entnommen und bedürfen keines Kommentars - sie sprechen in deutlicher Sprache für sich. [...]

Claire Waldorff, Kabarettistin im Berlin der Zwanziger Jahre (1884-1957), S. 163

Ruth Roellig, von der so gut wie gar nichts existiert, außer, daß sie Schriftstellerin war, spricht in ihrer Einleitung vom "priesterlichen Geschlecht, ganz im Sinne der sapphischen Oden, für die es eine Lanze zu brechen gilt..." Sie geht wie alle anderen der damaligen und leider auch noch die meisten der heutigen Zeit davon aus, daß "der gleichgeschlechtliche Trieb in den meisten Fällen wohl angeboren, seltener erworben sei..." Auf diese Weise kommt sie zu abenteuerlichen Charakterisierungen von Lesben, die allerdings schon wieder so überzogen sind, daß sie belustigen, statt verärgern sollten. Alle diese Aussagen sind kommentarlos stehengeblieben, sozusagen als Dokument der damaligen Zeit. Ruth Roellig selbst hat nie eine Erklärung darüber abgegeben, warum sie sich mit dieser Akribie den lesbischen Nachtklubs hingegeben hat. Es bleibt zu vermuten, daß es sich nicht nur um wissenschaftliches Interesse gehandelt haben muß... [...]

Nach einem Vorwort mit historischen Zusatzinformationen von Gudrun Schwarz und der Einleitung von Ruth Roellig aus dem Jahr 1928 wird in den Lila Nächten das Nachtleben der lesbischen Frauen der Zwanziger Jahre vorgestellt. Dazu dienen Kurzgeschichten, Gedichte, Bilder und Zeitungsannoncen , die einen Einblick geben sollen, wie die Lesbenwelt dieser Zeit war:
"Nicht mehr ganz so bierernst - sondern öfter mal champagnertrocken."

Adele Meyer hat zusammen mit Christa Müller seit 1989 in alleiniger Verantwortung die redaktionelle, verlegerische und technische Betreuung der Zeitschrift blattgold.

Zum Papstbesuch in Berlin

Eine Buchauswahl zu den Themen Geschlechterollen, Homosexualität und Religion aus unserem Archiv

Termine Demonstrationen:

Der Papst kommt! Bündnis gegen menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes:
22. September 2011, um 16.00 Uhr, Start ursprünglich am Brandengurger Tor mit einer Kundgebung geplant, nach aktuellem Stand aber aus Sicherheitsbedenken verboten, neuer Start nach einer Kundgebung um 16.00 Uhr am Potsdamer Platz

Der Papst in Berlin? What the Fuck! Gegen Antisemitismus, Sexismus und Homophobie:
17. September 2011 - 1000 Kreuze in die Spree
22. September 2011 - Gegen den Papst, für das selbstbestimmte Leben
weitere Informationen zu Veranstaltungen unter whatthefuck.blogsport.de

 

Berühmte Frauen und ihre besten Freundinnen

Reneé Sintenis und Magdalena Goldmann

Renate Alice Sintenis, geboren am 20. März 1888 in Glatz in Schlesien, gestorben am 22. April 1965 in Berlin, war eine deutsche Bildhauerin, die vorallem kleinformatige Tierplastiken, weibliche Aktfiguren und Sportstatuetten, aber auch Holzschnitte und Radierungen schuff. Sintenis erfuhr mit ihrer androgynen, ausdrucksstarken Schönheit als typische "Garconne" große Bewunderung im Berlin der Weimarer Republik. Unter der Regierung der Nationalsozialisten galt die Kunst der Halbjüdin als "entartet". Ab 1947 arbeitete sie als Professorin an der Hochschule für Bildende Künste zu Berlin. 1957 schuf sie ihre wohl berühmteste Plastik, den Berliner Bären. Ab 1945 bis zu ihrem Tod lebte die Künstlerin mit ihrer Haushälterin und Freundin Magdalena Goldmann zusammen in der Innsbrucker Straße 23. Diese verwaltete nach Sintenis' Tod deren Nachlaß und wurde später in demselben Grab auf dem Waldfriedhof Dahlem bestattet.  

Silke Kettelhake - Berlin, Boheme und Ringelnatz

Louise Otto-Peters und Auguste Scheibe

Louise Otto-Peters, geboren am 26. März 1819 in Meißen, gestorben am 13. März 1895 in Leipzig, war Schriftstellerin und Mitbegründerin der Ersten Deutschen Frauenbewegung. Unter dem Pseudonym Otto Stern publizierte sie zahlreiche gesellschaftskritische Schriften und Artikel, in denen sie forderte, die Arbeitswelt für bürgerliche Frauen zu öffnen und zugleich die Situation der arbeitenden Frauen zu verbessern. 1849 wurde sie Herausgeberin der "Frauenzeitung" und gründete Dienstboten- und Arbeiterinnenvereine mit, die aber wenige Jahre später durch entsprechende Presse- und Vereinsgesetze wieder verboten wurden. Mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller August Peters, Teilnehmer der Revolutionskämpfe 1848/49, gab sie bis zu dessen Tod 1864 die "Mitteldeutsche Volkszeitung" heraus. 1865 organisierte Louise Otto-Peters  die erste deutsche Frauenkonferenz in Leipzig und gründete noch im selben Jahr, zusammen mit Auguste Schmidt, den "Allgemeinen Deutschen Frauenverein", der die Bildungschancen für Frauen verbessern und ihre Berufstätigkeit fördern soll (seit 1918 "Deutscher Staatsbürgerinnen-Verband").

"Gestern Abend noch kam ein Brief Augustens - sie kommt! - Sie schreibt wie weh ich ihr thue mit meinem Argwohn - kann ich's ändern? - ich glaubte nicht nur Eins zu sein - ich war wirklich die Alleinherrscherin ihres Herzens - u. dieser stolze Traum ist nun doch dahin, wenn sie mich noch liebt. Zum Erstenmal lerne ich jetzt die Qualen der Eifersucht kennen u. den ganzen Wahnsinn derselben - diese Claire war mir gleich zuwider - ich fühle daß ich auch diese Herz hassen werde..."

Louise Otto-Peters unterhielt über mehrere Jahre eine enge Freundschaft mit Auguste Scheibe, einer Erzieherin, Schriftstellerin und Übersetzerin, die unter dem Pseudonym S. Augustin veröffentlichte, ebenso für die "Frauenzeitung" (Pseudonym "Georgine") schrieb und im Vorstand des "Frauen-Vereins zur Unterstützung hilfsbedürftiger Familien" war. Sie lebte über 30 Jahre in einer Lebensgemeinschaft mit Claire von Glümer. Auguste Herz war eine der bedeutensten Schülerinnen Fröbels und ebenfalls eine Freundin Auguste Scheibes.

Louise Otto-Peters. Jahrbuch III/2009

Marie Fillunger und Eugenie Schumann

Marie Fillunger, geboren am 27. Januar 1850 in Wien, gestorben am 23. Dezember 1930 in Interlaken, studierte von 1869 bis 1873 am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und auf Empfehlung von Johannes Brahms zwischen 1874 bis 1879 an der Hochschule der Bildenden Künste in Berlin. Eugenie Schumann, geboren am 1. Dezember 1851 in Düsseldorf, gestorben am 25. September in Bern, war die Tochter des Komponisten Robert Schumann und der berühmten Pianistin Clara Schumann. Sie studierte ab 1869 Klavier an der Berliner Musikhochschule, wo sie sich 1873 mit Marie Fillunger anfreundete. Die beiden lebten elf Jahre in der Schumannschen Hausgemeinschaft zusammen, nach kurzer Trennung, die bei Eugenie eine psychosomatische Krankheit auslöste, siedelten sie gemeinsam nach England über, von wo aus Marie Lieder von Schubert und Brahms interpretierte, Konzerttourneen nach Australien und Südamerika unternahm und am Royal

College of Music in Manchester unterichtete. Nach dem Ersten Weltkrieg zogen sie nach Interlaken zu Eugenies Schwester Marie. Dort schrieb Eugenie zwei erfolgreiche Bücher, ein autobiographisches und eines über ihren Vater.
Die Beiden liegen in einem Grab zusammen mit Marie Schumann, die im selben Jahr wie Marie Fillunger starb. Auf dem Grabstein seht „Marie Schumann 1841-1929. Sie war getreu bis in den Tod“ und darunter „Hier ruht zwischen Schwester und Freundin Eugenie Schumann 1851-1939“.

"Du bist mein lichtester Gedanke die sonnigste Idee, der ich stündlich nachhänge, wende Dich nicht von mir und erwärme mein armes Ich. (...)"

Marie Fillunger an Eugenie Schumann, 10.7.1875, Wien


Eva Rieger - Mit 1000 Küssen Deine Fillu. Briefe der Sängerin Marie Fillunger an Eugenie Schumann 1875-93

... Freundinnen - Ein Roman unter Frauen?

Der 1924 erschienene Roman "Freundinnen" von Maximiliane Ackers zählte, ähnlich wie "Der Skorpion" von A. E. Weirauch, eher zur Insiderliteratur und kursierte als Geheimtipp unter Lesben der Weimarer Republik. Er galt lange Zeit als vergriffen und lag nur als Kopie vor. Auch die inzwischen veröffentlichte Neuauflage von 1995 konnte nichts daran ändern, dass kaum bestätigte biographische Daten über die Autorin bekannt sind.
Sie wurde am 24. September 1896 (bzw. 1897) als Maximiliana (Maxi) Maria Aloysia Johanna Ackers in Saarbrücken geboren. Ihr Vater war der Ingenieur und späterer Spediteur Johann Willhelm Ackers, die Mutter Rosa Ackers, geborene Kronawitter. Maxi Ackers war zeitlebens ein Multitalent in den verschiedensten künstlerischen Bereichen. Ihre Karriere begann sie 1916 als Schauspielerin an diversen Theatern in Europa. Zu Beginn am Stadttheater Göttingen, 1919 am Deutschen Stadttheater in Riga und an mehreren Theatern und Kabaretts in Berlin. Längere Zeiträume ihres Lebens sind nicht dokumentiert, sie reiste viel und hatte wohl längere Aufenthalte in u.a. Heidelberg, Hannover und Stuttgart.

Auf diesen Zeitraum lassen sich die Entstehung des Drehbuchs zu dem Film "Brennendes Land" (1920/21) und auch das Mitwirken in dem Stummfilm "Florentinische Nächte" sowie "Die Abenteuer der Gräfin da Costa" (1920) datieren.

Die "Freundinnen" entstanden während Ackers' Zeit in Berlin. Sie verarbeitete darin vermutlich ihre eigenen Erfahrungen aus der Berliner Theaterwelt und der Künstlerinnen- und Lesbenszene, in der sie verkehrte. Der Roman beschreibt in zwei Teilen einen Ausschnitt aus dem Leben der Erika Feldern, genannt Eri, etwa zwischen ihrem 17. und 25. Lebensjahr. Sie verliebt sich in die um einige Jahre ältere Schauspielerin Ruth Wenk, die ihre Liebe auch erwiedert. Allerdings hält diese dem Druck der Familie nicht Stand und verleugnet die Beziehung. Eri findet als Schauspielerin nach etlichen Odysseen durch das Berlin der Zwanziger Jahre zu ihrer großen Liebe Ruth zurück, muss aber erkennen, dass diese inzwischen verlobt ist. Ruth gibt ihr zu verstehen, dass sie sie zwar liebe, aber vor dem ständigen Kampf gegen die Gesellschaft resigniere und die soziale Sicherheit einer Ehe vorziehe. Das Buch feierte große Erfolge (10.000 verkaufte Exemplare in den ersten fünf Jahren), trotzdem veröffentlichte Ackers danach keine weiteren Romane. Das Schreiben gab sie nicht sofort auf und verfasste einige kleinere Arbeiten, fortwährend suchte sie aber zunehmend ihre Bestimmung in der Glasmalerei.

Der Umzug nach Hannover 1927 mit ihrer Lebensgefährtin, der Zeichenlehrerin und Malerin Irma Johanna Schäfer, war für Ackers ein erster Schritt der Sesshaftwerdung. Dort war sie als Mitglied der Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen (Gedok) und der Ortsgruppe Hannover tätig, trat bei Veranstaltungen als Texterin, Kabarettistin und Sängerin in Erscheinung, hielt religions- und geisteswissenschaftliche Vorträge und Seminare für verschiedene Einrichtungen und gab Lautenunterricht. 1933 ließ Ackers ihre Berufsbezeichnung von "Schriftstellerin" auf "Glasmalerin" ändern, vermutlich um, aufgrund der politischen Situation, einen Abstand zwischen sich und ihren Roman zu bringen. "Freundinnen" wurde 1934 beschlagnahmt und 1936 auf die "Liste des schändlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt. 1935 zogen die Künstlerin und ihre Freundin in ein kleines Dorf in Bayern, ob aus persönlichen Gründen oder wegen der politischen Ereignisse, ist unklar. 1954 übersiedelten sie nach Eggstätt, Ackers gab dort an ledig, Kunstmalerin von Beruf, deutsch und ohne Konfession zu sein. Maximiliane Ackers starb fast vergessen am 17. April 1982 in einem Alten- und Pflegeheim "Marienheim" in Glonn.

Quelle:
Lackinger, Renate (2010): Verlorene Freundinnen - Leben und Werk von Maximiliane Ackers.

Kissenschlacht Flashmob am Brandenburger Tor

 

 

 

Liebe Frauen,

hier ein paar Foto-Impressionen von der Offenen Freizeitgruppe
für Twens. Die Frauen haben den Flashmob am Brandenburger Tor
am 20. März 2011 besucht.

Deutschland

Im Team: Platz 2 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1900; FIFA-Mitglied seit 1904
Die Beste: Birgit Prinz, Kapitänin und Rekordspielerin, spielt ihre fünfte WM, mit 14 Toren WM-Rekordschützin
Zusammenspiel: mit einem weiteren WM-Titel würde die Deutschen Spielerinnen etwas Historisches erreichen, als erste Mannschaft den dritten WM-Sieg in Folge
Am Ball:
"Seitenwechsel ist ein Sportverein, von Frauen für Frauen und Mädchen. Ziel von Seitenwechsel ist es, Frauen und Mädchen, unabhängig von Hautfarbe, Nationalität, körperlichen Voraussetzungen, Alter oder sexueller Orientierung vielfältige sportliche Erfahrungen zu ermöglichen."
"Nach dem Spiel ist Vorspiel. Denn Vorspiel ist nicht nur ein Sportverein, sondern auch Treffpunkt, Freizeitheim, Krisenberatung, Glückstankstelle, Partnervermittlung, Familie und ein Stück Zuhause. So sehen es zumindest viele Mitglieder."
Regelwerk: mit Reformierung des § 175 stand Homosexualität generell nicht mehr unter Strafe seit 1968 (DDR) bzw. 1969 (BRD), für Männer unter 21 (bis 1973, dann unter 18 Jahren) bis 1994 mit Streichung des § 175 durch Bundestag weiterhin illegal; seit 2001 Eingetragene Lebenspartnerschaft; Einzelpersonen dürfen adoptieren, gleichgeschlechtliche Partner nicht, Annahme des Kindes der Partners möglich seit 2005

Kanada

Im Team: Platz 6 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1912; FIFA-Mitglied seit 1913
Die Beste: wichtigste Spielerin ist die 28-jährige Christine Sinclair, über 100 Tore bei mehr als 150 Länderspielen
Zusammenspiel: bei neun Spielen kein Sieg über die Deutsche Elf; 2010 Sieger des Gold Cup; in der WM-Qualifikation alle Spiele gewonnen (17:0)
Am Ball: "Out for Kicks Soccer Club Association (OFK) is a non-profit organization that promotes goodwill, friendship and a recreational level of competition among soccer players in the GLBT community. OFK provides the opportunity to meet and play soccer with members of varying skill levels and to socialize with other members of the community through the common interest of soccer."
Regelwerk: homosexuelle Handlungen seit 1967 per Gesetz legalisiert, die sexuelle Identität ist in der kanadischen Verfassung geschützt; die Ehe wurde im Juli 2005 für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet; ebenso das Adoptionsrecht  

Nigeria

Im Team: Platz 27 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1945; FIFA-Mitglied seit 1960
Die Beste: die 35-jährige Perpetua Nkwocha spielt in der ersten schwedischen Liga, wurde 2010 zum dritten Mal zu Afrikas Fußballerin des Jahres gewählt
Zusammenspiel: dominieren den afrikanischen Frauenfußball, sechs WM-Teilnahmen, acht Titel bei der Afrikameisterschaft; von sechs Spielen gegen Deutschland kein Sieg
Im Blitzlicht: All out
Regelwerk: Homosexualität unter Männern seit 1990 illegal (Todesstrafe in 12 nördlichen Bundesstaaten), unter Frauen nur in einigen Gebieten "legal" (eher einfach nicht beachtet); gleichgeschlechtliche Partnerschaften und gemeinsame Adoption nicht möglich

Frankreich

Im Team: Platz 7 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1919; FIFA-Mitglied seit 1904
Die Besten: Camille Abily ist zentrale Spielerin der französischen Offensive, Siegerin der Champions League 2011 mit Olympique Lyon
Zusammenspiel: mit zwölf Spielen, keiner Niederlage und 53:2 Toren souveräne Qualifizierung für die WM 2011; zuvor erst eine WM-Teilnahme (2003, Platz drei in der Gruppe hinter Brasilien und Norwegen)
Am Ball: "FC Paris Arc En Ciel is a gay and lesbian soccer association which was founded in April 1997. A member of the French Football Federation, leisure football league, the IGLSF and EGLSF, respectively the worldwide and European gay and lesbian football federations, the FC PAEC is the oldest homosexual French soccer club with almost equal numbers of men and women members."
Regelwerk: Homosexualität mit Französischer Verfassung 1791 legal; seit 1999 PACS (Pacte civil de solidarité) für gleichgeschlechtliche und verschiedengeschlechtliche unverheiratete Paare gesetzlich zugelassen, der die meisten Rechte und Pflichten einer Ehe beinhaltet; aber keine Adoption und Zugang zu künstlicher Befruchtung (dieses Jahr wurde Gesetzesentwurf zur Gleichgeschlechtlichen Ehe in die Nationalversammlung eingebracht)

Japan

Im Team: Platz 4 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1921; FIFA-Mitglied seit 1929
Die Besten: Mana Iwabuchi als zukünftiger Star des japanischen Frauenfußballs, zählte bereits 2008 bei der U17-WM und 2010 bei der U20-WM zu den herausragenden Spielerinnen; zu den bekanntesten gehört Yuki Nagasato, Bundesligameisterin mit FFC Turbine Potsdam
Zusammenspiel: von acht Spielen gegen Deutschland zwei Siege; sechste WM-Teilnahme; kontinuierliche Leistungssteigerung über die letzten Jahre
Regelwerk: Homosexualität unter Frauen und Männern in der Geschichte Japans eigentlich immer straffrei, eher der Einfluss westlicher Sexualwissenschaft und Gesetzgebung haben dies zwischenzeitlich unterbrochen; Gleichstellungs- und Lebenspartnerschaftsgesetze sowie Adoption stehen nicht zur Diskussion; in Deutschland Verpartnerung japanischer Staatsangehöriger möglich, in Japan aber nicht anerkannt

Neuseeland

Im Team: Platz 24 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1891; FIFA-Mitglied seit 1948
Die Beste: Hayley Moorwood organisiert das Angriffsspiel, spielt sonst erfolgreich beim Chelsea LFC in der englischen Women's Super League;
Zusammenspiel: seit 1998 keine Spiele gegen Deutschland (damals ein Sieg, eine Niederlage); seit dem Wechsel von Australien in die Asiatische Konföderation 2006 dominieren sie den Ozeanischen Frauenfußball; bei WMs noch nie die Gruppenphase überstanden
Regelwerk: Homosexualität (unter Männern) seit Reformgesetz 1986 nicht mehr strafbar; Same Sex Marriage national anerkannt seit 2004 und den Rechten und Pflichten der heterosexuellen Ehe weitestgehend angeglichen; mit Ausnahme der gemeinschaftlichen Adoption

Mexiko

Im Team: Platz 22 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1927; FIFA-Mitglied seit 1929
Die Beste: 1999 schoß Maribel Dominguez das bisher einzige WM-Tor der Mexikanerinnen und ist seitdem Führungsspielerin der Mannschaft, erhielt als erste Frau einen Profivertrag in einem Männer-Verein, der aber von der FIFA verboten wurde
Zusammenspiel: beide bisherigen Spiele gegen Deutschland waren Niederlagen; 1999 bisher einzige WM-Teilnahme, als Vierte der Gruppe Deutschland-Brasilien-Italien ausgeschieden
Am Ball: "Andrea's Soccer A.C. was born in 1995 as a non profit organization. Its goals are to organized, promote and make public the Soccer (Football) activities in the women community in our country and forming new players in order to help the development of the Mexican Women's National Team (WNT) program."
Regelwerk: männliche Homosexualität seit 1872 legalisiert, diskriminierende Aspekte des Art. 201 erst im Dezember 1998 gestrichen, kommunale Gesetze des buen gobierno („gute Regierung“) ermöglichen der Polizei die Verfolgung von Lesben und Schwulen bei „Verstößen gegen die Moral“ oder „Skandalen“; seit März 2010 same sex marriage in Mexico City erlaubt; ebenso seit März Adoption als Single möglich und nur in Mexico City als gleichgeschlechtliches Paar (Civil Code of the Federal District of Mexico)

England

Im Team: Platz 10 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1863; FIFA-Mitglied seit 1905
Die Beste: die 32-jährige Kelly Smith ist seit 15 Jahren Nationalspielerin und mit vier Toren WM-Rekordtorschützin Englands
Zusammenspiel: acht zu elf Siege gegen die deutsche Auswahl; bis dato beste Plazierung in der Weltrangliste; bisher zwei WM-Teilnahmen; ungeschlagen als Gruppensieger für die WM 2011 qualifiziert
Am Ball: "The mission of the GFSN is to promote the support and participation of gay men and women in football. We work to establish a social network for LGBT football supporters, to encourage the formation of LGBT teams for players of all abilities, and to campaign against homophobia within football."
"Hackney Women's FC was founded in 1986 and was the first totally women run team and the first out lesbian team in London , possibly even the UK.  HWFC was also the first team to instigate a fair play policy, ensuring that all women are encouraged to train and play competitive football regardless of their skills, age, ethnic origin and sexual orientation.  All women are welcome."
"Leftfooters is fun based football team made up mainly of gay and lesbian players..."
Regelwerk: homosexuelle Handlungen nicht strafbar, "Clause 28", ein Gesetz, das verbot, in der Öffentlichkeit positiv über Homosexualität zu berichten, erst 2003 endgültig abgeschafft; seit Ende 2005 staatlicherseits anerkannte Partnerschaft (Civil Union) möglich, die alle Pflichten und Rechte einer Ehe beinhaltet; dazu gehört auch die Adoption gemeinsamer Kinder

USA

Im Team: Platz 1 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1913; FIFA-Mitglied seit 1914
Die Beste: Abby Wambach mit mehr als 100 Toren in ihrer Länderspielkarriere zentrale Figur der Offensive
Zusammenspiel: einzige Mannschaft, die gegen die Deutsche Elf eine positive Bilanz hat; zweimaliger Weltmeister, bei allen anderen drei WMs immer mindestens im Halbfinale
Im Blitzlicht: geoutete US-Nationalspielerin Natasha Kai bei der WM 2011 nicht im Kader
Regelwerk: gesetzliche Bestimmungen zum Thema Homosexualität in einzelnen Bundesstaaten stark unterschiedlich; teilweise noch bis 2003 illegal (Kansas, Oklahoma, Missouri und Texas); Bundesstaatenregelungen gelten auch bei Partnerschaften, dabei Unterscheidung zwischen Civil Union (der Ehe weitestgehend gleichgestellt) und Domestic Partnerships (sehr viel weniger Rechte und Pflichten); Adoption teilweise möglich, ausdrücklich verboten in Arkansas, Mississippi, Oklahoma und Utah

Nordkorea

Im Team: Platz 8 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1945; FIFA-Mitglied seit 1958
Die Beste: Yun-Mi Jo wurde mit drei Toren zur besten Spielerin der Asienmeisterschaft 2010 gewählt
Zusammenspiel: von vier Spielen gegen Deutschland vier Niederlagen; bisher höchster Sieg bei offiziellem Frauenfußball-Länderspiel: Asienmeisterschaft 2001 gegen Singapur mit 24:0
Regelwerk: Homosexualität generelles Tabu, es gibt keine Gesetze dagegen, aber eine Abweichung vom Menschenbild der gleichgeschalteten revolutionären Massen wird nicht geduldet, bei „Verletzung der Ordnung des kollektiven sozialistischen Lebens“ drohen bis zu 2 Jahren Haft

Kolumbien

Im Team: Platz 31 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1924; FIFA-Mitglied seit 1936
Die Beste: große Hoffnung ist die 17-jährige Mittelfeldspielerin Yorely Rincón, fünf Tore bei der Südamerikameisterschaft
Zusammenspiel: bisher keine Spiele gegen Deutschland; erste WM-Teilnahme, viele der Spielerinnen aber bereits bei der U20-WM 2010 dabei
Regelwerk: keine strafrechtliche Verfolgung bei homosexuellen Handlungen ab dem Schutzalter von 14; Gesetz zur Einführung der Eingetragenen Lebenspartnerschaft passierte 2007 Repräsentantenhaus, nicht aber die Senatskammer; Gesundheitsversorgung, Eigentums- und Erbrecht sind bereits auf homosexuelle Paare ausgeweitet; keine Angaben über Adotion

Schweden

Im Team: Platz 5 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1904; FIFA-Mitglied seit 1904
Die Besten: Lotta Schelin, 27, Fixpunkt im Angriffsspiel, schwedische Fußballerin des Jahres 2006, mit Olympique Lyon Champions League Siegerin 2011
Zusammenspiel: gegen Deutschland neun Niederlagen (2003 im WM-Finale 0:1 nach Verlängerung durch Golden Goal) und sechs Siege; haben sich bisher für jede Frauenfußball-Weltmeisterschaft qualifiziert
Im Blitzlicht: mit Jessica Landström eine geoutet Spielerin im Kader
Regelwerk: Homosexualität unter Männern seit 1944 nicht mehr illegal; seit 1. Mai 2009 Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare ohne rechtliche Unterschiede zugänglich, ab 1. November 2009 auch Eheschließung durch Kirche möglich; seit Anfang 2003 alle Adoptionsformen rechtlich erlaubt

Brasilien

Im Team: Platz 3 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1914; FIFA-Mitglied seit 1923
Die Besten: Stürmerin Marta ist fünfmalige und amtierende Weltfußballerin des Jahres; Christiane ist gemeinsam mit Birgit Prinz Rekordtorschützin bei den Olympischen Spielen (10 Tore)
Zusammenspiel: ein Sieg gegen Deutschland von insgesamt neun Spielen; im März 2009 kurzzeitig auf Platz 2 der FIFA-Weltrangliste, bis Deutschland den Europatitel holte
Regelwerk: keine juristische Verfolgung homosexueller Handlungen seit 1823; Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften in bisher zwei Bundesstaaten; seit Januar 2011 gemeinschaftliche Adoption möglich, zudem haben gleichgeschlechtliche Paare Zugang zur künstlichen Befruchtung

Australien

Im Team: Platz 11 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1961; FIFA-Mitglied seit 1963
Die Besten: mit Lisa De Vanna und Sarah Walsh zwei torgefährliche Spielerinnen im Sturm, Kathryn Gill (vom asiatischen Verband zur Spielerin des Jahres gewählt) fehlt wegen eines Kreuzbandrisses
Zusammenspiel: gegen Deutschland bisher ein Sieg, zwei Niederlagen
Am Ball: „The Flying Bats are Sydney's best known lesbian football club and the largest lesbian soccer club in the WORLD! Our philosophy is to play football, have fun and maintain good 'sportswomanship'.“
Im Blitzlicht: Mit "We are Queer! We are here! We drink a lot of beer!" kommentierten 2007 Fans des Sydney FC auf fußballuntypische Weise homophobe Parolen von Fans der gegnerischen Mannschaft.
Regelwerk: seit 1994 auch in Tasmanien, als letzten Bundesstaat, homosexuelle Handlungen entkriminalisiert; gleichgeschlechtliche Partnerschaften in einigen Bundesstaaten (South Australia, Tasmanien, Australian Capital Territosry, Victoria) legal, auf Bundesebene jedoch nicht anerkannt; gleichgeschlechtliche Ehe seit 2004 durch Mariage Act verboten; gemeinschaftliche Adoption für gleichgeschlechtliche, verpartnerte Paare ist in Bundesstaaten Australian Capital Territory, Western Australia und Victoria erlaubt, in Tasmanien Stiefkindadoption möglich

Norwegen

Im Team: Platz 9 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1902; FIFA-Mitglied seit 1908
Die Besten:
 Ingvild Stensland und Stürmerin Isabell als eingespieltes Mittelfeldduo prägen das norwegische Defensivspiel
Zusammenspiel: das Land, gegen das die Deutsche Elf die meisten Länderspiele bestritten hat; bisher bei allen WMs mindestens im Viertelfinale; 1995 Weltmeister
Im Blitzlicht:
einige geoutete (teilweise ehemalige) Nationalspielerinnen, darunter Linda Medalen und Bente Nordby
Regelwerk: Homosexualität seit 1972 nicht mehr strafbar; 1993 gesetzliche Verankerung der Eingetragenen Lebenspartnerschaft, seit Anfang 2009 Gleichgeschlechtliche Ehe auf nationaler Ebene legalisiert; ebenso ab 2009 alle Adotionsformen möglich

Äquatorialguinea

Im Team: Platz 61 FIFA-Weltrangliste*; gegründet 1960; FIFA-Mitglied seit 1986
Die Beste: wenig über die Spielerinnen bekannt, Genoveva Añonma spielt seit 2009 beim FF USV Jena
Zusammenspiel: erste Qualifizierung für eine WM überhaupt (sowohl Frauen als auch Männer); bisher nur Spiele gegen afrikanische Nationalmannschaften
Im Blitzlicht: Im Anschluss an den Africa-Cup 2010 wurden von Nigeria, Südafrika und Ghana Vorwürfe laut, es sollen sich mit Salimata Simpore und Genoveva Añonma zwei Männer in der Mannschaft befinden, nachdem bereits 2006 und 2008 gleiche Anschuldigungen unbewiesen geblieben waren.
Regelwerk: Homosexualität unter Männern seit 1931 legal, unter Frauen nie beachtet wurden; gleichgeschlechtliche Paare ohne rechtlichen Schutz, aber auch keine strafrechtliche Verfolgung; generell aber problematische Menschenrechtslage

* Stand 18.03.2011

20Elf von ihrer schönsten Seite

Bis 1970 war der Frauenfußball mit der Begründung "Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand." offiziell verboten. Trotzdem wurden zwischen 1956 und 1965 etwa 150 inoffizielle Länderspiele organisiert und ca. 60.000 Widerständlerinnen spielten in DFB Vereinen Fußball. Nachdem am 30.10.1970 das Verbot aufgehoben wurde, gründeten sich schnell zahlreiche Landesverbände,  Lokalligen wurden ausgetragen und 1981 wurde erstmals ein deutscher Pokalsieger ermittelt. Am 10.11.1982 fand das erste offizielle Länderspiel der deutschen Frauennationalmannschaft gegen die Schweiz statt. Inzwischen ist die Elf mit zwei Weltmeister- und sieben Europameistertiteln, neben den USA, das inzwischen erfolgreichste Team der Welt (Platz 2 der Weltrangliste, Stand 18.03.2011). Damit ist Deutschland das einzige Land, das sowohl im Frauen- als auch im Männerfußball Welt- und Europameister wurde. Nun gilt es unter dem Motto „20Elf von seiner schönsten Seite“ den Titel zu verteidigen. Zu mehr Popularität soll die WM im eigenen Land dem Frauenfußball verhelfen, Präsenz in den Medien ermöglichen, die auch danach noch anhält, und eine eigene Identität, ohne den ständigen Vergleich mit den Männern, schaffen.

Wir wollen uns der Frauenfußball-Weltmeisterschaft von einer anderen Seite nähern und werden ab jetzt bis zum Eröffnungsspiel am 26. Juni wöchentlich jeweils die Länder aus einer Gruppe vorstellen. Der Blickwinkel soll dabei aber weniger auf die Mannschaften gerichtet sein, sondern vielmehr auf die gesetzlich verankerten Homosexuellenrechte, die gesellschaftliche Akzeptanz und die Chancen des Öffentlichkeitsinteresses durch die WM für schwul-lesbische Fußballvereine und Fanclubs in den teilnehmenden Ländern.

... DAS BUCH ZUM FILM?

Christa Winsloe wird am 23. Dezember 1888 als Tochter einer Offiziersfamilie in Darmstadt geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter kommt sie in das Kaiserin-Augusta-Stift in Potsdam, danach auf ein Schweizer Mädcheninternat und soll mit eiserner, preußischer Disziplin auf ihre Rolle als Soldatenmutter gedrillt werden. Entgegen der familiären Erwartungen geht Winsloe 1909 nach München, um dort Bildhauerei zu studieren. 1913 heiratet sie den wohlhabenden ungarischen Industriellen und Mäzen Baron Ludwig von Hatvany. Ihren Plan, in Paris zu leben und dort  die Kunsthochschule zu besuchen, muss sie aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges abbrechen, sie kehrt mit ihrem Mann nach Ungarn zurück. Dort arbeitet sie weiterhin als Bildhauerin und stellt 1918 ihre Werke auch in Budapest aus. Die Ehe mit Hatvany hält nicht lange. 1922 kehrt Winsloe  zurück nach Deutschland, arbeitet weiter als Bildhauerin, fängt aber auch an, in diversen Zeitungen erste Texte zu veröffentlichen. In dieser Zeit lernt sie Klaus und Erika Mann und Therese Giehse kennen und wird zu einer bedeutenden Erscheinung des Künstler- und Literatenmilieus und ist politisch in der SPD engagiert.

 

1930 wird Winsloes erstes Theaterstück "Ritter Nérestan" in Leipzig, ein Jahr später als "Gestern und heute" in Berlin uraufgeführt. Darin verarbeitet sie das Schicksal einer Mitschülerin im Kaiserin-Augusta-Stift, die versuchte, sich aus unerfüllter Liebe zu einer Lehrerin das Leben zu nehmen und zeitlebens behindert blieb. Bei der Aufführung am Hebbel-Theater führt Leontine Sagan Regie. Manuela wird in Leipzig von Gina Falckenberg, in Berlin von Hertha Thiele gespielt. In der ersten Verfilmung 1931 ändert Produktionsleiter Carl Froelich den Titel in "Mädchen in Uniform", da sich "Gestern und Heute" angeblich schlechter verkaufen ließe. Weiterhin besetzt er die Rolle der Elisabeth von Bernburg mit  der feminineren Dorothea Wieck, da ihm Melzer zu offensichtlich lesbisch ist. Letztlich wird auch das Ende durch Freitod in ein Pseudo-Happy-End gewandelt: Manuela wird von Mitschülerinnen gerettet. Damit richtet sich die Kritik nicht mehr gegen die ihre Gefühle verbergende Elisabeth von Bernburg und somit gegen das Verschweigen und Unsichtbarmachen von Homosexualität, sondern vielmehr auf das Erziehungssystem der damaligen Zeit. Den Roman schreibt Winsloe als Reaktion darauf, als "Buch gegen den Film". Er erscheint 1933 in Amsterdam unter dem Titel "Das Mädchen Manuela".

 

Ende 1932 trifft Christa Winsloe die amerikanische Auslandskorrespondentin Dorothy Thompson wieder. Sie ist eine der ersten, die nach einem Interview mit Hitler ausdrücklich vor ihm warnt. 1934 wird sie aufgrund zahlreicher Artikel in der amerikanischen Presse, in denen sie sich gegen faschistische Entwicklungen ausspricht, aus Deutschland ausgewiesen. Die beiden Frauen beginnen eine leidenschaftliche Beziehung und Thompson unterstützt Winsloe dabei, mit ihrer Arbeit in den USA Fuß zu fassen, was ihr bei einem ersten, nicht aber mehr bei einem zweiten Aufenthalt dort gelingt. Winsloe kehrt 1935 allein Europa zurück, reist ständig zwischen Ungarn, Italien und Deutschland. Dort darf sie nicht mehr veröffentlichen, da ihr erster Roman im Ausland erschienen ist. Ihr Roman "Life Begins" erscheint 1935 in England, ein Jahr später als "Girl Alone" in den USA und "Passeggiera" 1938 auf Deutsch wiederum in Amsterdam. Mit der Schweizer Pianisten Simone Gentet verbringt Winsloe die Kriegsjahre völlig verarmt in Südfrankreich. 1944 bekommt Winsloe endlich die lang ersehnte Durchreisegenehmigung durch Deutschland. Aber bevor sie Frankreich verlassen kann, werden sie und Gentet am 10. Juni in einem Wald bei Cluny von fünf Kriminellen erschossen, die sie für Spioninnen halten.
"Mädchen in Uniform" bleibt Winsloes erfolgreichstes Werk. Es wird noch zweimal neu verfilmt und immer wieder auf die Bühne gebracht. Die berühmteste Filmversion ist wohl der 1958 entstandene Spielfilm mit Romy Schneider, Lilli Palmer und Therese Giese in den Hauptrollen.

Quellen:
www.fembio.org
Sabine Tenta (1998): Christa Winsloe und die Mädchen in Uniform - In: Lespress, März 1998
Hermanns, Doris: „Wie soll man solche Gefühle nennen, wenn nicht Liebe?“ Christa Winsloe (1888 – 1944) und Dorothy Thompson (1893 – 1961), in: Joey Horsley und Luise F. Pusch (Hg.): Frauengeschichten. Berühmte Frauen und ihre Freundinnen. Göttingen, Wallstein, 2010, S. 205 -235
Reinig, Christa: Christa Reinig über Christa Winsloe. Nachwort zur Neuauflage von Christa Winsloe: Mädchen in Uniform. München, Frauenoffensive, 1983
Schoppmann, Claudia: Ein Grabstein für Christa Winsloe. In: Ihrsinn Nr. 10, 1994, S. 17 - 22
Schoppmann, Claudia (Hg.): Im Fluchtgepäck die Sprache. Deutschsprachige Schriftstellerinnen im Exil. Berlin, Orlanda, 1991, darin: Christa Winsloe, S. 110 - 132

TRANSVESTITEN IN DEN 20ER UND 30ER JAHREN - MATERIALIEN AUS UNSEREM ARCHIV

1930 wurden in zehn Augaben der Zeitschrift "Liebende Frauen" auf jeweils der vierten Seite unter der Ruprik "Der Transvestit" Fragen zum Thema von Leserinnen und Lesern beantwortet.

Titelbild Liebende Frauen, Jg. 5 Nr. 4
Titelbild Liebende Frauen, Jg. 5 Nr. 14
Titelbild Liebende Frauen, Jg. 5 Nr. 16
Erklärung einer Leserin zum "Wesen des Transvestitismus", Liebende Frauen, Jg. 5 Nr. 19

100 JAHRE INTERNATIONALER FRAUENTAG

Am 8. März 2011 jährt sich der Internationale Frauentag zum 100. Mal.
Nachdem 1910 die II. Internationale Sozialistische Frauenkonferenz, an der mehr als 100 Delegierte aus 17 Ländern teilgenommen hatten, auf Initiative der deutschen Sozialistin Clara Zetkin am 27. August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines jährlichen Internationalen Frauentages beschlossen hatte, wurde dieser im darauf folgenden Jahr erstmals begangen. Er fand am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Mehr als eine Millionen Frauen, eine bis dahin beispielslose Massenbewegung, gingen auf die Straße und forderten das aktive und passive Wahlrecht für Frauen. In den kommenden Jahren schlossen sich Frauen in Frankreich, Schweden, den Niederlanden und Russland der Idee an und demonstrierten.
Am 8. März 1917 streikten Arbeiterinnen Textilfabriken in St. Petersburg anlässlich des Internationalen Frauentages und forderten andere Betriebe auf, sich anzuschließen. Letztlich streikten 90.000 Menschen, deren Unzufriedenheit am 12.03.1917 in der Februarrevolution endete. Aufgrund der epochalen Bedeutung dieses Ereignisses wurde der Internationale Frauentag zukünftig auf den 8. März festgelegt.
Wir haben zu diesem Anlaß eine Auswahl der Plakate zum 8. März aus unserem Archiv digitalisiert, die ab heute als kleine Onlineausstellung anzusehen sind. Sie geben einen Einblick in die Geschichte des Internationalen Frauentages in Deutschland sowie einigen Nachbarländern und zeigen die Entwicklung der Forderungen von Frauenrechten und Gleichstellung.

Quelle: Goethe-Institut

Unter dem Motto "Frauen, jetzt reicht's" versuchen Frauen in ganz Deutschland 1974, nach der gescheiterten "Aktion 218" von 1971, erneut, die Öffentlichkeit für eine radikale Reform des Abtreibungsparagraphen zu mobilisieren.
Zusammenstellung verschiedener Frauenprojekte mit Anschrift und Öffnungszeiten aus den 70er Jahren. Im Zuge der Frauenbewegung Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre wird der Internationale Frauentag zu einem Tag breit angelegter, vielfältiger Aktionen,...
...in denen Frauen ihre Forderungen und Wünsche öffentlich kundgeben. Durch die Zusammenarbeit verschiedener und kontrovers zusammengesetzter Frauengruppen gewinnt der Internationale Frauentag an Nachdruck und Durchsetzungskraft.
1978 beschließt die Sozialistische Fraueninternationale in Vancouver den 8. März erneut als weltweiten Kampftag für Frauenrechte und Frieden zu begehen. Im Mai das darauf folgenden Jahres fordert die Bundeskonferenz der Arbeitsgemeinschaft.
Sozialdemokratischer Frauen (ASF) den SPD-Parteivorstand auf, zukünftig wieder den Internationalen Frauentag durch zu führen. Entsprochen wird dieser Forderung jedoch erst 1982, als sowohl SPD als auch DGB beschließen den 8. März als Frauentag wieder zu beleben. Ab Beginn der 80er Jahre...
...wird die Forderung nach Frieden und Abrüstung zentrales Thema, Frauen- und Friedenspolitik werden verknüpft. Die Frauen-Friedensinitiativen fanden auf den Inter-nationalen Frauentagen große Resonanz.
Partei- und organisationsübergreifend fordern die Frauen „Lasst uns Frauenrechte und Frieden organisieren“. Parallel dazu soll der 8. März weiterhin dazu dienen aktuelle Probleme der arbeitenden Frauen zu diskutieren. Dies war möglich geworden, nachdem der Deutsche Gewerkschaftsbund...
...1981 den Protesten der Gewerkschafterinnen hatte nachgeben müssen, das Verbot der öffentlichen Bekanntgabe frauenpolitischer Forderungen aufhob und den Internationalen Frauentag als solchen und nicht als "sozialistischen Kampftag" anerkannte.
"Auf zur Plötze! Solidarität mit den eingeknasteten Frauen!" Als beschlossen wird, die in den 70er Jahren als Hochsicherheitsgefängnis für Frauen geplante und gebaute Justizvollzugsanstalt Plötzensee zu schließen, um Platz für Männer aus den überfüllten Männergefängnissen zu schaffen, nutzen Gegnerinnen des Beschlusses den Internationalen Frauentag für Kundgebungen. Sie sehen in der Umverteilung der Insassinnen auf verschiedene JVAs außerhalb Berlins die Gefahr, dass die Frauen auseinandergerissen, isoliert in kleinen Gruppen in Männergefängnissen sitzen, ohne die Möglichkeit sich auszutauschen und zu organisieren.
In der ersten Hälfte der 90er Jahre dient der 8. März vorrangig einer Annährung der Frauen aus Ost und West, nachdem der Umgang mit §218 im Einigungsvertrag.
Spannungen und Kommunikationsprobleme ausgelöst hatte und vorallem die ostdeutschen Frauen einen Rückschritt für Frauen in der Gesellschaft bestätigt sahen. Zeitgleich rufen Frauen aufgrund verstärkter Ausländerfeindlichkeit im gesamten Land zur internationalen Solidarität mit allen Frauen auf. Zunehmende Globalisierung macht Kapitalismus, Sexismus, Rassismus, Faschismus und Antisemitismus zu zentralen Themen.
1994 wird in der Woche vom 5. bis 8. März unter dem Protestslogan "Jetzt schlägt's 13!" in ganz Deutschland zum ersten Frauenstreik aufgerufen.
Die Themen sind vielfältig und reichen vom Abbau der Grundrechte, Abbau der Sozialleistung und zunehmender Frauenarmut, über die Vorbereitungen deutscher Kriegsbeteiligung hin zu Umweltzerstörung und Zurückdrängung bereits erreichter Frauenrechte.
Ab Ende der 90er Jahre und mit Beginn des neuen Jahrtausends vernetzen sich, begünstigt durch...
... das Internet, Institutionen, Organisationen und Initiativen der Frauenbewegung national und international.
Seitdem sind die Themen, Anliegen und Botschaften vielseitig und weisen eine große Bandbreite an Veranstaltern auf.
Seit den 1990er Jahren werden in den Kommunen und öffentlichen Ämtern „Gleichstellungsbeauftragte“ und „Gleichstellungsbüros“ gewählt und eingerichtet, die eine große Rolle bei Planung und Organisation spielen. Weitere Initiativträger sind die Gewerkschaften, Universitäten, Parteien und Bündnisse aus diversen frauenpolitischen Initiativen, Gruppen und Vereinen.
Thematisch erstrecken sich die Motive von internationalen Aufrufen bis zu lokalpolitischen Forderungen, die in konkreten Anliegen formuliert werden.