... DAS BUCH ZUM FILM?

Christa Winsloe wird am 23. Dezember 1888 als Tochter einer Offiziersfamilie in Darmstadt geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter kommt sie in das Kaiserin-Augusta-Stift in Potsdam, danach auf ein Schweizer Mädcheninternat und soll mit eiserner, preußischer Disziplin auf ihre Rolle als Soldatenmutter gedrillt werden. Entgegen der familiären Erwartungen geht Winsloe 1909 nach München, um dort Bildhauerei zu studieren. 1913 heiratet sie den wohlhabenden ungarischen Industriellen und Mäzen Baron Ludwig von Hatvany. Ihren Plan, in Paris zu leben und dort  die Kunsthochschule zu besuchen, muss sie aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges abbrechen, sie kehrt mit ihrem Mann nach Ungarn zurück. Dort arbeitet sie weiterhin als Bildhauerin und stellt 1918 ihre Werke auch in Budapest aus. Die Ehe mit Hatvany hält nicht lange. 1922 kehrt Winsloe  zurück nach Deutschland, arbeitet weiter als Bildhauerin, fängt aber auch an, in diversen Zeitungen erste Texte zu veröffentlichen. In dieser Zeit lernt sie Klaus und Erika Mann und Therese Giehse kennen und wird zu einer bedeutenden Erscheinung des Künstler- und Literatenmilieus und ist politisch in der SPD engagiert.

 

1930 wird Winsloes erstes Theaterstück "Ritter Nérestan" in Leipzig, ein Jahr später als "Gestern und heute" in Berlin uraufgeführt. Darin verarbeitet sie das Schicksal einer Mitschülerin im Kaiserin-Augusta-Stift, die versuchte, sich aus unerfüllter Liebe zu einer Lehrerin das Leben zu nehmen und zeitlebens behindert blieb. Bei der Aufführung am Hebbel-Theater führt Leontine Sagan Regie. Manuela wird in Leipzig von Gina Falckenberg, in Berlin von Hertha Thiele gespielt. In der ersten Verfilmung 1931 ändert Produktionsleiter Carl Froelich den Titel in "Mädchen in Uniform", da sich "Gestern und Heute" angeblich schlechter verkaufen ließe. Weiterhin besetzt er die Rolle der Elisabeth von Bernburg mit  der feminineren Dorothea Wieck, da ihm Melzer zu offensichtlich lesbisch ist. Letztlich wird auch das Ende durch Freitod in ein Pseudo-Happy-End gewandelt: Manuela wird von Mitschülerinnen gerettet. Damit richtet sich die Kritik nicht mehr gegen die ihre Gefühle verbergende Elisabeth von Bernburg und somit gegen das Verschweigen und Unsichtbarmachen von Homosexualität, sondern vielmehr auf das Erziehungssystem der damaligen Zeit. Den Roman schreibt Winsloe als Reaktion darauf, als "Buch gegen den Film". Er erscheint 1933 in Amsterdam unter dem Titel "Das Mädchen Manuela".

 

Ende 1932 trifft Christa Winsloe die amerikanische Auslandskorrespondentin Dorothy Thompson wieder. Sie ist eine der ersten, die nach einem Interview mit Hitler ausdrücklich vor ihm warnt. 1934 wird sie aufgrund zahlreicher Artikel in der amerikanischen Presse, in denen sie sich gegen faschistische Entwicklungen ausspricht, aus Deutschland ausgewiesen. Die beiden Frauen beginnen eine leidenschaftliche Beziehung und Thompson unterstützt Winsloe dabei, mit ihrer Arbeit in den USA Fuß zu fassen, was ihr bei einem ersten, nicht aber mehr bei einem zweiten Aufenthalt dort gelingt. Winsloe kehrt 1935 allein Europa zurück, reist ständig zwischen Ungarn, Italien und Deutschland. Dort darf sie nicht mehr veröffentlichen, da ihr erster Roman im Ausland erschienen ist. Ihr Roman "Life Begins" erscheint 1935 in England, ein Jahr später als "Girl Alone" in den USA und "Passeggiera" 1938 auf Deutsch wiederum in Amsterdam. Mit der Schweizer Pianisten Simone Gentet verbringt Winsloe die Kriegsjahre völlig verarmt in Südfrankreich. 1944 bekommt Winsloe endlich die lang ersehnte Durchreisegenehmigung durch Deutschland. Aber bevor sie Frankreich verlassen kann, werden sie und Gentet am 10. Juni in einem Wald bei Cluny von fünf Kriminellen erschossen, die sie für Spioninnen halten.
"Mädchen in Uniform" bleibt Winsloes erfolgreichstes Werk. Es wird noch zweimal neu verfilmt und immer wieder auf die Bühne gebracht. Die berühmteste Filmversion ist wohl der 1958 entstandene Spielfilm mit Romy Schneider, Lilli Palmer und Therese Giese in den Hauptrollen.

Quellen:
www.fembio.org
Sabine Tenta (1998): Christa Winsloe und die Mädchen in Uniform - In: Lespress, März 1998
Hermanns, Doris: „Wie soll man solche Gefühle nennen, wenn nicht Liebe?“ Christa Winsloe (1888 – 1944) und Dorothy Thompson (1893 – 1961), in: Joey Horsley und Luise F. Pusch (Hg.): Frauengeschichten. Berühmte Frauen und ihre Freundinnen. Göttingen, Wallstein, 2010, S. 205 -235
Reinig, Christa: Christa Reinig über Christa Winsloe. Nachwort zur Neuauflage von Christa Winsloe: Mädchen in Uniform. München, Frauenoffensive, 1983
Schoppmann, Claudia: Ein Grabstein für Christa Winsloe. In: Ihrsinn Nr. 10, 1994, S. 17 - 22
Schoppmann, Claudia (Hg.): Im Fluchtgepäck die Sprache. Deutschsprachige Schriftstellerinnen im Exil. Berlin, Orlanda, 1991, darin: Christa Winsloe, S. 110 - 132

... Freundinnen - Ein Roman unter Frauen?

Der 1924 erschienene Roman "Freundinnen" von Maximiliane Ackers zählte, ähnlich wie "Der Skorpion" von A. E. Weirauch, eher zur Insiderliteratur und kursierte als Geheimtipp unter Lesben der Weimarer Republik. Er galt lange Zeit als vergriffen und lag nur als Kopie vor. Auch die inzwischen veröffentlichte Neuauflage von 1995 konnte nichts daran ändern, dass kaum bestätigte biographische Daten über die Autorin bekannt sind.
Sie wurde am 24. September 1896 (bzw. 1897) als Maximiliana (Maxi) Maria Aloysia Johanna Ackers in Saarbrücken geboren. Ihr Vater war der Ingenieur und späterer Spediteur Johann Willhelm Ackers, die Mutter Rosa Ackers, geborene Kronawitter. Maxi Ackers war zeitlebens ein Multitalent in den verschiedensten künstlerischen Bereichen. Ihre Karriere begann sie 1916 als Schauspielerin an diversen Theatern in Europa. Zu Beginn am Stadttheater Göttingen, 1919 am Deutschen Stadttheater in Riga und an mehreren Theatern und Kabaretts in Berlin. Längere Zeiträume ihres Lebens sind nicht dokumentiert, sie reiste viel und hatte wohl längere Aufenthalte in u.a. Heidelberg, Hannover und Stuttgart.

Auf diesen Zeitraum lassen sich die Entstehung des Drehbuchs zu dem Film "Brennendes Land" (1920/21) und auch das Mitwirken in dem Stummfilm "Florentinische Nächte" sowie "Die Abenteuer der Gräfin da Costa" (1920) datieren.

Die "Freundinnen" entstanden während Ackers' Zeit in Berlin. Sie verarbeitete darin vermutlich ihre eigenen Erfahrungen aus der Berliner Theaterwelt und der Künstlerinnen- und Lesbenszene, in der sie verkehrte. Der Roman beschreibt in zwei Teilen einen Ausschnitt aus dem Leben der Erika Feldern, genannt Eri, etwa zwischen ihrem 17. und 25. Lebensjahr. Sie verliebt sich in die um einige Jahre ältere Schauspielerin Ruth Wenk, die ihre Liebe auch erwiedert. Allerdings hält diese dem Druck der Familie nicht Stand und verleugnet die Beziehung. Eri findet als Schauspielerin nach etlichen Odysseen durch das Berlin der Zwanziger Jahre zu ihrer großen Liebe Ruth zurück, muss aber erkennen, dass diese inzwischen verlobt ist. Ruth gibt ihr zu verstehen, dass sie sie zwar liebe, aber vor dem ständigen Kampf gegen die Gesellschaft resigniere und die soziale Sicherheit einer Ehe vorziehe. Das Buch feierte große Erfolge (10.000 verkaufte Exemplare in den ersten fünf Jahren), trotzdem veröffentlichte Ackers danach keine weiteren Romane. Das Schreiben gab sie nicht sofort auf und verfasste einige kleinere Arbeiten, fortwährend suchte sie aber zunehmend ihre Bestimmung in der Glasmalerei.

Der Umzug nach Hannover 1927 mit ihrer Lebensgefährtin, der Zeichenlehrerin und Malerin Irma Johanna Schäfer, war für Ackers ein erster Schritt der Sesshaftwerdung. Dort war sie als Mitglied der Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen (Gedok) und der Ortsgruppe Hannover tätig, trat bei Veranstaltungen als Texterin, Kabarettistin und Sängerin in Erscheinung, hielt religions- und geisteswissenschaftliche Vorträge und Seminare für verschiedene Einrichtungen und gab Lautenunterricht. 1933 ließ Ackers ihre Berufsbezeichnung von "Schriftstellerin" auf "Glasmalerin" ändern, vermutlich um, aufgrund der politischen Situation, einen Abstand zwischen sich und ihren Roman zu bringen. "Freundinnen" wurde 1934 beschlagnahmt und 1936 auf die "Liste des schändlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt. 1935 zogen die Künstlerin und ihre Freundin in ein kleines Dorf in Bayern, ob aus persönlichen Gründen oder wegen der politischen Ereignisse, ist unklar. 1954 übersiedelten sie nach Eggstätt, Ackers gab dort an ledig, Kunstmalerin von Beruf, deutsch und ohne Konfession zu sein. Maximiliane Ackers starb fast vergessen am 17. April 1982 in einem Alten- und Pflegeheim "Marienheim" in Glonn.

Quelle:
Lackinger, Renate (2010): Verlorene Freundinnen - Leben und Werk von Maximiliane Ackers.

Berühmte Frauen und ihre besten Freundinnen

Reneé Sintenis und Magdalena Goldmann

Renate Alice Sintenis, geboren am 20. März 1888 in Glatz in Schlesien, gestorben am 22. April 1965 in Berlin, war eine deutsche Bildhauerin, die vorallem kleinformatige Tierplastiken, weibliche Aktfiguren und Sportstatuetten, aber auch Holzschnitte und Radierungen schuff. Sintenis erfuhr mit ihrer androgynen, ausdrucksstarken Schönheit als typische "Garconne" große Bewunderung im Berlin der Weimarer Republik. Unter der Regierung der Nationalsozialisten galt die Kunst der Halbjüdin als "entartet". Ab 1947 arbeitete sie als Professorin an der Hochschule für Bildende Künste zu Berlin. 1957 schuf sie ihre wohl berühmteste Plastik, den Berliner Bären. Ab 1945 bis zu ihrem Tod lebte die Künstlerin mit ihrer Haushälterin und Freundin Magdalena Goldmann zusammen in der Innsbrucker Straße 23. Diese verwaltete nach Sintenis' Tod deren Nachlaß und wurde später in demselben Grab auf dem Waldfriedhof Dahlem bestattet.  

Silke Kettelhake - Berlin, Boheme und Ringelnatz

Louise Otto-Peters und Auguste Scheibe

Louise Otto-Peters, geboren am 26. März 1819 in Meißen, gestorben am 13. März 1895 in Leipzig, war Schriftstellerin und Mitbegründerin der Ersten Deutschen Frauenbewegung. Unter dem Pseudonym Otto Stern publizierte sie zahlreiche gesellschaftskritische Schriften und Artikel, in denen sie forderte, die Arbeitswelt für bürgerliche Frauen zu öffnen und zugleich die Situation der arbeitenden Frauen zu verbessern. 1849 wurde sie Herausgeberin der "Frauenzeitung" und gründete Dienstboten- und Arbeiterinnenvereine mit, die aber wenige Jahre später durch entsprechende Presse- und Vereinsgesetze wieder verboten wurden. Mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller August Peters, Teilnehmer der Revolutionskämpfe 1848/49, gab sie bis zu dessen Tod 1864 die "Mitteldeutsche Volkszeitung" heraus. 1865 organisierte Louise Otto-Peters  die erste deutsche Frauenkonferenz in Leipzig und gründete noch im selben Jahr, zusammen mit Auguste Schmidt, den "Allgemeinen Deutschen Frauenverein", der die Bildungschancen für Frauen verbessern und ihre Berufstätigkeit fördern soll (seit 1918 "Deutscher Staatsbürgerinnen-Verband").

"Gestern Abend noch kam ein Brief Augustens - sie kommt! - Sie schreibt wie weh ich ihr thue mit meinem Argwohn - kann ich's ändern? - ich glaubte nicht nur Eins zu sein - ich war wirklich die Alleinherrscherin ihres Herzens - u. dieser stolze Traum ist nun doch dahin, wenn sie mich noch liebt. Zum Erstenmal lerne ich jetzt die Qualen der Eifersucht kennen u. den ganzen Wahnsinn derselben - diese Claire war mir gleich zuwider - ich fühle daß ich auch diese Herz hassen werde..."

Louise Otto-Peters unterhielt über mehrere Jahre eine enge Freundschaft mit Auguste Scheibe, einer Erzieherin, Schriftstellerin und Übersetzerin, die unter dem Pseudonym S. Augustin veröffentlichte, ebenso für die "Frauenzeitung" (Pseudonym "Georgine") schrieb und im Vorstand des "Frauen-Vereins zur Unterstützung hilfsbedürftiger Familien" war. Sie lebte über 30 Jahre in einer Lebensgemeinschaft mit Claire von Glümer. Auguste Herz war eine der bedeutensten Schülerinnen Fröbels und ebenfalls eine Freundin Auguste Scheibes.

Louise Otto-Peters. Jahrbuch III/2009

Marie Fillunger und Eugenie Schumann

Marie Fillunger, geboren am 27. Januar 1850 in Wien, gestorben am 23. Dezember 1930 in Interlaken, studierte von 1869 bis 1873 am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und auf Empfehlung von Johannes Brahms zwischen 1874 bis 1879 an der Hochschule der Bildenden Künste in Berlin. Eugenie Schumann, geboren am 1. Dezember 1851 in Düsseldorf, gestorben am 25. September in Bern, war die Tochter des Komponisten Robert Schumann und der berühmten Pianistin Clara Schumann. Sie studierte ab 1869 Klavier an der Berliner Musikhochschule, wo sie sich 1873 mit Marie Fillunger anfreundete. Die beiden lebten elf Jahre in der Schumannschen Hausgemeinschaft zusammen, nach kurzer Trennung, die bei Eugenie eine psychosomatische Krankheit auslöste, siedelten sie gemeinsam nach England über, von wo aus Marie Lieder von Schubert und Brahms interpretierte, Konzerttourneen nach Australien und Südamerika unternahm und am Royal

College of Music in Manchester unterichtete. Nach dem Ersten Weltkrieg zogen sie nach Interlaken zu Eugenies Schwester Marie. Dort schrieb Eugenie zwei erfolgreiche Bücher, ein autobiographisches und eines über ihren Vater.
Die Beiden liegen in einem Grab zusammen mit Marie Schumann, die im selben Jahr wie Marie Fillunger starb. Auf dem Grabstein seht „Marie Schumann 1841-1929. Sie war getreu bis in den Tod“ und darunter „Hier ruht zwischen Schwester und Freundin Eugenie Schumann 1851-1939“.

"Du bist mein lichtester Gedanke die sonnigste Idee, der ich stündlich nachhänge, wende Dich nicht von mir und erwärme mein armes Ich. (...)"

Marie Fillunger an Eugenie Schumann, 10.7.1875, Wien


Eva Rieger - Mit 1000 Küssen Deine Fillu. Briefe der Sängerin Marie Fillunger an Eugenie Schumann 1875-93

... die Lila Nächte?

Lila Nächte, 1. Auflage, 1981, Zitronenpresse Frauenbuchverlag, Köln

Aus dem Vorwort von Adele Meyer (September 1981):

Ein bißchen vorweg und drumherum

Eigentlich entstanden die LILA NÄCHTE im vorigen Jahr auf dem Berliner Trödelmarkt. Da nämlich fand eine Freundin das Buch "Berlins lesbische Frauen", geschrieben 1928 von einer gewissen Ruth Roellig. Für drei Mark hat sie es erstanden, und ich habe es ihr auf der Stelle abgeschwatzt. Noch im Gehen habe ich angefangen zu lesen - und war begeistert. Endlich mal was zum Vergnügen und vom Vergnügen! Allein schon der Titel, die phantasievollen Klubnamen und nicht zuletzt die Liedstrophe "Wenn de denkst der Mond geht unter - der geht nicht unter, der tut bloß so" haben in mir die Lust an einem Nachdruck entstehen lassen.

Durch das Buch wurde meine Neugierde geweckt, mich näher mit den Lesben der 20iger Jahre zu beschäftigen. [...] Die meisten Dokumente dieser Zeit sind den damals erschienenen Lesbenzeitschriften "Frauenliebe" und "Die Freundin" entnommen und bedürfen keines Kommentars - sie sprechen in deutlicher Sprache für sich. [...]

Claire Waldorff, Kabarettistin im Berlin der Zwanziger Jahre (1884-1957), S. 163

Ruth Roellig, von der so gut wie gar nichts existiert, außer, daß sie Schriftstellerin war, spricht in ihrer Einleitung vom "priesterlichen Geschlecht, ganz im Sinne der sapphischen Oden, für die es eine Lanze zu brechen gilt..." Sie geht wie alle anderen der damaligen und leider auch noch die meisten der heutigen Zeit davon aus, daß "der gleichgeschlechtliche Trieb in den meisten Fällen wohl angeboren, seltener erworben sei..." Auf diese Weise kommt sie zu abenteuerlichen Charakterisierungen von Lesben, die allerdings schon wieder so überzogen sind, daß sie belustigen, statt verärgern sollten. Alle diese Aussagen sind kommentarlos stehengeblieben, sozusagen als Dokument der damaligen Zeit. Ruth Roellig selbst hat nie eine Erklärung darüber abgegeben, warum sie sich mit dieser Akribie den lesbischen Nachtklubs hingegeben hat. Es bleibt zu vermuten, daß es sich nicht nur um wissenschaftliches Interesse gehandelt haben muß... [...]

Nach einem Vorwort mit historischen Zusatzinformationen von Gudrun Schwarz und der Einleitung von Ruth Roellig aus dem Jahr 1928 wird in den Lila Nächten das Nachtleben der lesbischen Frauen der Zwanziger Jahre vorgestellt. Dazu dienen Kurzgeschichten, Gedichte, Bilder und Zeitungsannoncen , die einen Einblick geben sollen, wie die Lesbenwelt dieser Zeit war:
"Nicht mehr ganz so bierernst - sondern öfter mal champagnertrocken."

Adele Meyer hat zusammen mit Christa Müller seit 1989 in alleiniger Verantwortung die redaktionelle, verlegerische und technische Betreuung der Zeitschrift blattgold.

... die weltweit "erste lesbenpolitische Rede"?

Theo Anna Sprüngli, 1910

Theo Anna Sprüngli wurde am 15. August 1880 in Hamburg als Tochter eines Schweizer Überseekaufmannes geboren. Dort wuchs sie in einer "hanseatisch-strengen Atmosphäre des Vaterhauses" auf, besuchte eine höhere Töchterschule und nahm Klavier- und Musiktheorieunterricht. Mit 17 Jahren begann sie ihre journalistische Laufbahn, indem sie für das Hamburger Fremdenblatt schrieb. Im Anschluss an ihren Gymnasialabschluss in Stuttgart arbeitete sie in den Jahren 1905/06 beim Berliner Scherl-Verlag, einem der größten Zeitungskonzerne der Stadt, der u.a. die Zeitung "Der Tag" und den "Berliner Tages-Anzeiger" veröffentlichte. In dieser Zeit erschien unter ihrem Pseudonym Th. Rüling im Leipziger Max Spohr-Verlag ihr Novellenband "Welcher unter Euch ohne Sünde ist... Bücher von der Schattenseite", der zwei schwule und drei lesbische Geschichten beinhaltet, zwei davon mit für diese Zeit ungewöhnlichem Happy End.
Von Berlin aus ging Theo Anna Sprüngli nach Düsseldorf, wo sie drei Jahrzehnte lang lebte und arbeitete. Sie schrieb für die "frauenrechtlerisch äußerst gemäßigte, national-patriotistische Neue Deutsche Frauen-Zeitung", die später unter Männerregie als "Der Bürger" erschien und Organ des "Deutschen Frauenklubs" wurde. Dafür verfasste Sprüngli vorallem Artikel über Musik und Kultur, schrieb Buchrezensionen und

Kopie der Erstauflage des Novellenbandes "Welcher unter Euch ohne Sünde ist... Bilder von der Schattenseite", 1906, Max Spohr-Verlag

Reiseberichte, sowie Texte über den "Rheinischen Frauenklub" und den "Freiburger Hausfrauenbund". 1914 wurde im Kölner Tonger-Verlag "Kurzer Abriß über die Musikgeschichte" veröffentlicht, 1921 folgte "Das deutsche Volkslied", beides Fachbücher über Musik. Ab 1922 arbeitete sie als Journalistin bei den "Düsseldorfer Nachrichten" und für die "Düsseldorfer Lokal-Zeitung", sowie als freie Mitarbeiterin für Zeitungen in Bremen, Dortmund, Hamburg und Leipzig. Neben ihrem journalistischen und schriftstellerischen Schaffen engagierte sich Sprüngli politisch in diversen Frauenorganisationen, deren zentrales Anliegen der "wirtschaftliche und sittliche Aufstieg unseres deutschen Vaterlandes" war. Ihre Zugehörigkeit zum Reichsverband Deutscher Schriftsteller, ihre unklare Rolle während des Nationalsozialismus (Mitfrau der NSDAP war sie vermutlich nicht) und die teilweise patriotisch, nationalistisch und kriegsbefürwortende Wortwahl ihrer Texte zeigen, dass Sprüngli nicht unkritisch zur Pionierin der Lesbenbewegung erhoben werden kann. Ende der Dreißiger Jahre Verließ die Journalistin Düsseldorf, um am Ulmer Stadttheater zu arbeiten. Später ließ sie sich in Delmenhorst nieder und wirkte bis zu ihrem Tod am 8. Mai 1953 am dortigen städtischen Theater, bei der "Delmenhorster Zeitung" und der "Nordwestzeitung".

Kokula, Ilse: Weibliche Homosexualität um 1900 in zeitgenössischen Dokumenten, 1981, Frauenoffensive

Die historisch bedeutungsvolle, selbstbewusste Rede mit dem Titel "Welches Interesse hat die Frauenbewegung an der Lösung des homosexuellen Problems?" (erstmals veröffentlicht im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen Band 7" 1905) hielt sie vierundzwanzigjährig als Anna Rüling am 9. Oktober 1904 auf der Jahresversammlung des wissenschaftlich-humanitären Komitees. Das WhK wurde 1897 von dem Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868-1935) gegründet und gilt als weltweit erste Homosexuellenorganisation. Sprüngli bezeichnet in ihrer Rede die Frauenbewegung als "kulturgeschichtliche Notwendigkeit" und Homosexualität als "naturgeschichtliche Notwendigkeit" und kritisiert damit die "Ignoranz und Tabuisierung von Homosexualität seitens der Alten Frauenbewegung". Dafür wurde sie seitens des Bundes deutscher Frauenvereine scharf attackiert. Im WhK selbst führte die Rede ebenfalls zu großen Diskussionen. Grund dafür war weniger der Inhalt, der die meisten männlichen Mitglieder wahrscheinlich nicht interessierte, sondern die Tatsache, dass Sprüngli sich darin selbst als homosexuell darstellte. Diese "Verherrlichung" stand im Gegensatz zum Auftrag des WhK, der Aufklärung über Homosexualität, und stellte deren wissenschaftliche Objektivität in Frage.

 

Quellen:
Leidinger, Christiane: Eine zwiespältige Ahnin. Die Journalistin Theo Anna Sprüngli (1880-1953) - besser bekannt als Rednerin Anna Rüling. Berlin 2005

Dennert, Gabriele; Leidinger, Christiane; Rauchut, Frankziska: In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Berlin 2007